Perkams-Zitatenschatz.de

Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Albertus Magnus: Physik (Albertus Magnus) II 1 3 [XIV 1 p. 79f. Coloniensis]

Original:

Albertus Magnus über das Verhältnis von Natur, Seele und Bewegung
[1] Cum autem omnis motus sit de contrario in contrarium, et quod de contrario movetur ad contrarium, necessario quiescit aliquando, ideo natura non potest esse causa motus infiniti [...], et ideo natura est causa et principium movendi et quiescendi. [...]
[2] Quia autem anima movet, sed non proxime, quia licet anima vegetabilis moveat uno modo et quasi ex necessitate, tamen non movet proxime, sed per qualitates primas.
[3] Natura autem est movens [...] primum, hoc est proximum ex parte mobilis, licet non semper sit primum, ita quod ante ipsum non sit movens aliud. Movens enim, ante quod non est aliud, non est natura [...], sed intelligentia ordinis superioris et primi vel causa prima.

Quelle: Albertus Magnus: Physik (Albertus Magnus) /Physica (phys.) II 1 3 [XIV 1 p. 79f. Coloniensis].
Edition: Albertus Magnus, Physica. Libri I-IV (Editio Coloniensis 14, 1). Edidit Paul Hossfeld, Münster 1987.

Auslegung:

Dieser Text beinhaltet Albertus Magnus’ Erörterung seiner Definition der Bewegung (vgl. Zitat Nummer 99), die sich deutlich am aristotelischen Vorbild (Zitat Nummer 652) orientiert, aber auch Einflüsse von Seiten Avicennas enthält. Ein deutlich zu erkennendes aristotelisches Element ist die Verbindung von Natur mit dem Prinzip von Bewegung bzw. Veränderung, das den Gegenständen innewohnt. Es ist jedoch zu beachten, dass Albert ausdrücklich sagt, dass die Natur das Prinzip und die Ursache der Bewegung ist [1], sie also als ein aktives Prinzip versteht. Diese vom Neuplatonismus inspirierte Überlegung (vgl. auch Zitat Nummer 681) führt ihn dann zu der Frage, wie sich die Natur zu weiteren Bewegungsprinzipien verhält, und zwar insbesondere zur Seele. Von der Seele ist dabei die einfachste Seelenart, die vegetative Seele, das naheliegendste Beispiel. In dieser Hinsicht betont Albert, dass auch die vegetative Seele den natürlichen Körper nicht unmittelbar bzw. direkt, sondern nur indirekt bewegt, während gewisse körperliche Qualitäten das direkt Bewegende seien [2]. Im Zusammenhang damit bezeichnet er die Natur in [3] als das direkt Bewegende, betont aber deren Abhängigkeit von einer Intelligenz, bzw. dem ersten Beweger, als das ursprünglich Bewegende. Mit dieser Erstursache jeder Bewegung, die vermittelt durch die Seele die Natur in Bewegung setzt, ist letztlich Gott gemeint, näherhin aber der aktive Intellekt als das letzte Bewegungsprinzip der Natur (vgl. Zitat Nummer 948). Es zeigt sich also, dass für Albert die Natur nicht die gesamte nichtgöttliche Wirklichkeit ist, sondern nur ein wesentlicher Teil von ihr, nämlich die körperliche Welt. Ein besonderer Aspekt natürlicher Bewegung ist deren Endlichkeit, die die Natur vom ewigen göttlichen Beweger unterscheidet und dafür sorgt, dass sich natürliche Körper zeitweise bewegen und zeitweise ruhen. Das ist ein weiterer aristotelischer Gedanke, der hier freilich in einem prinzipiell neuplatonischen Rahmen erklärt wird, der davon ausgeht, dass Kausalität im kosmischen Raum von den ewigen auf zeitliche Ursachen wirkt, die sich nach und nach abschwächen.

Themen:

  • Natur
  • Seele
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Aristotelismus
  • Bewegung
  • Endlichkeit/Unendlichkeit
  • Neuplatonismus
  • Seele, vegetative (Pflanzen-/Nährseele)
  • Ursachen, Arten von
  • Natur und Seele
  • Pflanze(n)

[1] Weil aber jede Bewegung von einem Gegenteil in ein Gegenteil erfolgt und weil etwas, das sich von einem Gegenteil in ein Gegenteil bewegt, notwendigerweise irgendwann ruht, daher kann die Natur nicht die Ursache für eine unendliche Bewegung sein. [...] Deswegen ist die Natur die Ursache und das Prinzip für das Bewegen und Ruhen. [...]
[2] Nun bewegt auch die Seele, aber nicht als nächste [Ursache]. Denn wenngleich die Pflanzenseele auf [nur] eine Weise und gleichsam notwendig bewegt, so bewegt sie doch nicht als nächste [Ursache], sondern vermittelt durch erste Qualitäten.
[3] Die Natur aber ist das erste [...] Bewegende, das heißt das Nächste von Seiten des Bewegbaren, obwohl sie nicht immer das erste in der Weise ist, dass es vor ihr kein anderes Bewegendes gäbe. Denn das Bewegende, vor dem es kein anderes gibt, ist nicht die Natur [...], sondern eine Intelligenz höherer und erster Ordnung oder die erste Ursache.


Übersetzer: Matthias Perkams