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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Ibn Sīnā (Avicenna): Metaphysik (Buch der Genesung) I 5

Original:

Zwei Kernsätze aus der Metaphysik von Avicennas Buch der Genesung (Kitāb-aš-šifāʾ) in einer Übersetzung aus dem Arabischen und dem Lateinischen
لفز الوخود يدلّ به أيضاً على معاني كثيرة، منها الحقيقة التي عليها الشيء، فكأنه ما عليه يكون الوجود الخاص للشيء. (...) إنه من البين أن لكل شيء حقيقة خاصة هي ماهيته،


Quelle: Ibn Sīnā (Avicenna): Metaphysik (Buch der Genesung) /Al-Īlāhīyāt (Kitāb-aš-Šifāʾ) I 5.
Edition: Avicenna, Grundlagen der Metaphysik. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von J. O. Schmitt, Freiburg u.a. 2016, p. 106.

Auslegung:

Das folgende Beispiel für eine arabisch-lateinische Übersetzung entstammt Ibn Sīnās Erklärung der Unterscheidung von Essenz und Existenz (Zitat Nummer 86; der Text findet sich dort am Ende von [1]). Das Beispiel soll vor allem verdeutlichen, dass auch bei einer Übersetzung, die keine offensichtlichen Fehler enthält, die Semantik der lateinischen Begriffe so unterschiedlich von den arabischen ist, dass ganz neue Interpretationsmöglichkeiten entstehen.

Themen:

  • Mittelalterliche Philosophie
  • Arabisch-islamische Philosophie
  • Essenz/Existenz
  • Existenz
  • Gott und die Welt
  • Judentum und Islam
  • Ontologie
  • Sein
  • Übersetzung(en) philosophischer Texte

a) Aus dem Arabischen:
Ibn Sīnā: „Durch das Wort 'Existenz' (wuğūd) auch auf viele Gehalte (maʿnā) hingewiesen, wozu die 'Wesenheit' (haqīqa) gehört, der gemäß 'etwas' (šayyʾ) ist. Dies ist so, als ob dasjenige, auf dessen Weise es ist, die 'spezifische Existenz' für ein 'etwas' darstellt. [...] Es ist klar (min al-bayyin), dass jedes 'etwas' eine spezifische Wesenheit besitzt, nämlich seine Washeit (māhīya).“

b) Aus dem Lateinischen:
Avicenna Latinus: „Das Wort 'seiend' bedeutet auch viele Intentionen, aus denen die Gewissheit stammt, durch die ein jedes Ding ist, und sie ist so wie das Eigentlich-Sein des Dings. [...] Von dem, was deutlich ist, gilt dies, dass ein jedes Ding eine eigentümliche Gewissheit hat, die seine Washeit ist.“


Übersetzer: Matthias Perkams

Verbum ens significat etiam multas intentiones, ex quibus est certitudo qua est unaquaeque res, et est sicut esse proprium rei. [...] De his quae manifesta sunt, est hoc quod unaquaeque res habet certitudinem propriam quae est eius quidditas.


Übersetzer: Matthias Perkams