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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Siger von Brabant: Fragen zum dritten Buch von Aristoteles’ De anima nr. 2 (p. 80 Bazán)

Original:

Der ,Averroist‘ Siger von Brabant (ca. 1240-1284) bevorzugt Aristoteles’ Position zur Ewigkeit der Welt
Licet non sit necessaria positio Aristotelis [...], ipsa tamen probabilior quam positio Augustini, quia non possumus inquirere novitatem vel aeternitatem facti a voluntate primi, secundum quod non possumus cogitare formam voluntatis suae. Ideo oportet quod inquiramus novitatem vel aeternitatem huius facti a natura sua propria [...]. Sed omne illud quod immediate factum est a primo [...] non habet naturam propriam quod habeat esse factum de novo. [...] Omne enim habens virtutem per quam potest esse in toto futuro, habuit virtutem per quam potuit esse in toto praeterito.

Quelle: Siger von Brabant: Fragen zum dritten Buch von Aristoteles’ De anima /Quaestiones in tertium De anima nr. 2 (p. 80 Bazán).
Edition: Siger de Brabant, Quaestiones in tertium De anima. De anima intellectiva. De aeternitate mundi, Édition critique, ed. B. Bazán, Louvain/Paris 1972 (= Philosophes médiévaux, 13).

Auslegung:

In diesem Text diskutiert der junge Siger von Brabant die berühmte Frage nach der Ewigkeit der Welt. Die Annahme einer Ewigkeit der Welt bezeichnet er korrekterweise als die Position des Aristoteles, diejenige einer Neuheit der Welt als die des Augustinus. Während die meisten christlichen, jüdischen oder muslimischen Denker entweder für das Neuentstandensein der Welt argumentieren (Zitate Nummer 105, 460f.) oder betonen, dass die Frage philosophisch nicht entschieden werden kann (Zitate Nummer 479, 775, 1010), bekennt sich Siger ausdrücklich zur Position des Aristoteles, die er mit einem philosophischen Argument erhärtet. Sein Argument ist allerdings weniger das des Aristoteles, der vor allem von der Endlosigkeit der Kausalität her argumentiert (Zitat Nummer 663), als ein metaphysisches, das den besonderen Status der Welt betont, die als etwas, das unmittelbar von der Ersten Ursache geschaffen sei, auch eine ähnliche Kraft zu ewiger Dauer wie diese besitze.

Themen:

  • Aristoteles
  • Ewigkeit der Welt
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Averroes/Averroismus
  • Augustinus

Obwohl Aristoteles’ Position [...] nicht notwendig ist, ist sie doch wahrscheinlicher als die Position des Augustinus, weil wir die Neuheit oder Ewigkeit von etwas Geschaffenen durch den Willen des Ersten nicht untersuchen können, da wir die Form seines Willens nicht denken können. Daher ist es nötig, dass wir die Neuheit oder Ewigkeit dieses Geschaffenen von seiner eigenen Natur her untersuchen [...]. Aber all das, was unmittelbar vom Ersten geschaffen wurde [...], hat nicht die eigene Natur, dass es ein neu geschaffenes Sein besitzt. Denn alles, was eine Kraft hat, durch die es in der ganzen Zukunft sein kann, hatte auch eine Kraft, durch die es in der ganzen Vergangenheit sein konnte.


Übersetzer: Matthias Perkams