Original:
Peter Abaelard über die Grenzen der göttlichen Handlungsmöglichkeiten
[1] Quaerendum arbitror, utrum plura facere possit deus vel meliora quam faciat, aut ab his etiam quae facit ullo modo cessare posset, ne ea umquam videlicet faceret. [...]
[2] Si ergo, cum bonum sit aliquid fieri, non est bonum ipsum dimitti, nec deus facere vel dimittere potest nisi quod bonum est eum facere vel dimittere, profecto id solum videtur posse facere vel dimittere quod facit vel dimittit, quia id solum bonum est eum facere vel dimittere. [...]
[3] Aut si quod bonum est eum facere dimittit, et ab aliquibus quae facienda essent se retrahat, quis eum tamquam aemulum vel iniquum non arguat?
Quelle:
Peter Abaelard:
Theologia ,Scholarium‘
/
Theologia ,Scholarium‘
(
Tsch.)
III 27f.
Edition: Petri Abaelardi Opera theologica 3. Theologia ,Summi Boni‘. Theologia ,Scholarium‘. Cura et studio E. M. Buytaert et C. J. Mews (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis 13), Turnhout 1987.
Auslegung:
Abaelard begründet hier seine bewusst provokante Theese, dass Gott nichts Besseres oder anderes tun kann, als er faktisch tut. Nachdem er zunächst die Frage, ob Gott besser oder anders handeln kann, als er es tut, in Form einer scholastischen Quaestio formuliert hat [1], gibt er dann in Form eines Syllogismus sein Argument [2], das vereinfacht folgendermaßen lautet: Prämisse 1: Es ist nicht gut, dass etwas, das gut ist, unterlassen wird; Prämisse 2: Gott tut niemals etwas, was nicht gut ist. Daraus folgt: Gott unterlässt niemals etwas, das gut ist. Dieses Argument wird in [3] noch einmal rhetorisch dadurch unterstützt, dass man Gott Missgunst vorzuwerfen hätte. Im Ergebnis ist klar, dass dadurch, dass Gott nicht anders handeln kann, als er es tut, sichergestellt ist, dass er bestmöglich handelt und dass die von ihm regierte Welt, wie in der Stoa (Zitat Nummer 157), auf die bestmögliche Weise geordnet ist.
Abaelards Argument ist nicht so zu verstehen, als sei Gott nicht in der Lage, etwas anderes zu tun, als er tut; vielmehr meint er, dass Gott es faktisch nicht tun wird. Das Argument ist später, mit kritischem Unterton, in die Sentenzen des Petrus Lombardus aufgenommen worden, das wichtigste mittelalterliche Lehrbuch im Theologiestudium. Daher wurden viele Widerlegungen Abaelards versucht, unter anderem Thomas von Aquins Betonung der Unvergleichlichkeit göttlicher und menschlicher Weisheit (Zitat Nummer 109) oder Duns Scotus’ Argument von der Freiheit des göttlichen Willens (Zitat Nummer 129). Positiv aufgenommen wurde das Argument hingegen von Leibniz, der zur Frage der Theodizee auf ganz ähnliche Weise seine These vertritt, wir lebten in der besten aller möglichen Welten (Zitat Nummer 795 und 796).
Themen:
-
Gott
-
Freiheit (Vorlesung)
-
Gott und die Welt
-
Plan Gottes
-
Handeln/Handlung
-
Mittelalterliche Philosophie
-
Ordnung
-
Scholastik
-
Quaestio
-
Theodizee