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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen II, §§ 92-94

Original:

Peter Abaelard erläutert die philosophische und die christliche Definition des Glücklichseins
[1] Philosophus: Quam, ut arbitror, beatitudinem Epicurus voluptatem, Christus vester regnum caelorum nominat. Quid autem refert quo nomine vocetur, dummodo res eadem permaneat nec sit beatitudo diversa nec iuste vivendi philosophis quam christianis intentio proponatur alia? Ut enim vos, sic et nos hic vivere iuste disponimus, ut illic glorificemur, et hic contra vitia pugnamus, ut meritis virtutum illic coronemur, summum illud scilicet bonum pro mercede adepti.
[2] Christianus: Immo longe, quantum percipio, nostra in hoc et vestra tam intentio quam merita sunt diversa, et de ipso quoque summo bono non modice dissentimus.
Philosophus: Id, obsecro, si vales, aperias.
[3] Christianus: Nemo recte summum bonum dicit quo maius aliquid invenitur [...] Omnem vero beatitudinem vel gloriam humanam longe et ineffabiliter a divina transcendi constat; nulla igitur praeter illam recte summa nuncupanda est, aut praeter ipsum nihil iure summum bonum dicitur.
Philosophus: Non hoc loco absolute summum bonum, sed summum hominis bonum intendimus.
Christianus: Sed nec summum hominis bonum recte dicimus quo maius aliquod hominis bonum reperitur.

Quelle: Peter Abaelard: Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen /Collationes II, §§ 92-94.
Edition: Abelard’s Collationes. Edited and Translated by John Marenbon and Giovanni Orlandi, Oxford 2002.

Auslegung:

Nachdem Christ und Philosoph eine sachliche Einheit aufgrund der Identität von Ethik und Gotteslehre festgestellt haben (Zitat Nummer 122), fragen sie nun, worin der Inhalt der Eudaimonie besteht; damit diskutierten sie eine strukturell analoge Frage zu Aristoteles in der Nikomachischen Ethik (vgl. z. B. Zitat Nummer 442). Tatsächlich zeigt sich aber, dass es in ihrem Gespräch nicht nur darum geht, was einen Menschen glücklich macht, sondern auch darum, wie dieses Glück tatsächlich definiert wird. Für den Philosophen kommt es vor allem darauf an, dass man das Ziel der Ethik, eine Glückseligkeit im Himmel, und den Weg dazu, die Tugenden, klar definiert. Demgegenüber betont der Christ, dass das menschliche Glück in etwas liegen muss, das auch objektiv ein „höchstes Gut“ ist, und zwar nicht nur für den Menschen, sondern an sich, daher müsse es in Gott liegen.
Interessant ist, dass der Philosoph meint die epikureische Lust als Ziel des Lebens sei der Sache nach dasselbe wie das Königreich der Himmel im Evangelium (Matthäusevangelium 13, 41-43). Dies ist natürlich eine groteske Missdeutung Epikurs, denn dieser meint tatsächlich, das Glück bestehe in einer Freude des körperlich verfassten Menschen (vgl. Zitat Nummer 143). Diese Missdeutung ergibt sich aus den wenigen philosophiehistorischen Quellen, die Abaelard zur Verfügung standen, und ist nicht Teil einer deliberativen Strategie, die Philosophie falsch zu verstehen.

Themen:

  • Christentum und Philosophie
  • Höchstes Gut
  • Glückseligkeit (Eudaimonia)
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Dialog (philosophischer)
  • Epikur
  • Ethik
  • Philosophie und Religion

[1] Philosoph: Diese Glückseligkeit nennt Epikur, wie ich meine, Lust, euer Christus aber "Königreich der Himmel". Was macht es, mit welchem Namen sie benannt wird, solange nur die Sache dieselbe bleibt und bei den Philosophen und den Christen weder die Glückseligkeit verschieden ist noch eine andere Intention des gerechten Lebens vorgegeben wird? Denn so wie ihr, so beabsichtigen auch wir, hier gerecht zu leben, damit wir dort verherrlicht werden, und kämpfen hier gegen Laster, um dort wegen der Verdienste der Tugenden gekrönt zu werden, wenn wir nämlich dieses höchste Gut als Lohn empfangen.
[2] Christ: Aber so weit ich sehe, sind hierin sowohl unsere und eure Intention als auch die Verdienste verschieden, und sogar über das höchste Gut haben wir nicht geringfügig unterschiedliche Ansichten.
Philosoph: Das, bitteschön, erkläre mir, wenn Du kannst.
[3] Christ: Niemand nennt zu Recht etwas ,höchstes Gut‘, im Vergleich zu dem etwas Größeres gefunden wird. [...] Aber jede menschliche Glückseligkeit oder Herrlichkeit übersteigt die göttliche klarerweise bei weitem und unaussagbar; also darf keine außer ihr zu Recht ,höchste‘ genannt werden, und außer ihm wird nichts zu Recht ,höchstes Gut‘ genannt.
Philosoph: An dieser Stelle geht es uns nicht um das höchste Gut an sich, sondern um das höchste Gut für den Menschen.
Christ: Aber auch ,höchstes Gut für den Menschen‘ nennen wir nichts zu Recht, im Vergleich zu dem ein größeres Gut für den Menschen gefunden wird.


Übersetzer: Matthias Perkams