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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Römerbriefkommentar (Abaelard) II (p. 207f. Buytaert)

Original:

Peter Abaelard über die natürliche Gesetzgebung der Vernunft
Non dicit simpliciter ,non ego illud operor‘, sed ita dicit ,non ego, sed peccatum‘, quod est dicere: non ad hoc ex natura, sed ex vitio naturae iam ei dominante pertrahor, immo ex natura, per quam rationalis sum a deo creatus, reluctor concupiscentiae. [...]. Legem illam concupiscentiae dico ,repugnantem‘, id est contrariam, ,legi‘ naturali ,meae mentis‘, id est rationi, quae me quasi lex regere debet.

Quelle: Peter Abaelard: Römerbriefkommentar (Abaelard) (Röm.kom.) II (p. 207f. Buytaert).
Edition: Petri Abaelardi Opera Theologica l, ed. E. M. Buytaert (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis XI, Turnhout 1969), p. 41-340.

Auslegung:

Dieser Text enthält Abaelards Auslegung des siebten Kapitels des Römerbriefs (Zitat Nummer 58). Abaelards Auslegung betont in typisch mittelalterlicher Weise die Rolle der Vernunft, die er ein „natürliches Gesetz meines Geistes“ nennt, „die mich gleichsam wie ein Gesetz regieren muss“. Damit interpretiert Abaelard den von Paulus geschilderten Konflikt als Konflikt zwischen Vernunft und der Begierde, die letztlich durch die Sünde entsteht. Das ist an sich handlungspsychologisch durchaus traditionell. Besonders pointiert und neuartig ist jedoch die Verbindung von Vernunft und Gesetz, die in der Philosophie bis zu Kant häufig wiederholt wird. Das paulinische „Ich“ wird so zur Vernunftnatur, während die Begierde, die zu einem Laster führen kann, genau dieser rationalen Personalität widerstrebt. Diese Rationalität äußert sich dann im Gewissensurteil (vgl. Zitate Nummer 355 und 371).

Themen:

  • Gesetz und Gewissen
  • Paulus (Apostel)
  • Sünde
  • Vernunft
  • Freiheit (Vorlesung)
  • Begehren/Begierde
  • Kommentar/Kommentierung
  • Natur (des Menschen)
  • Naturgesetz (der Vernunft)
  • Römerbrief (Kapitel 7)

Paulus (Römer 7) sagt nicht einfach "nicht ich tue das", sondern er sagt "nicht ich, sondern die Sünde", was besagen will: Ich werde dazu nicht aus der Natur, sondern aus einem Laster der Natur, das sie schon beherrscht gezogen, aber aus der Natur, durch die ich von Gott vernünftig geschaffen bin, widerstrebe ich der Begierde. [...] Dieses "Gesetz" der Begierde nenne ich ,widerstrebend‘, d.h. entgegengesetzt zu, dem natürlichen "Gesetz meines Geistes", d.h. der Vernunft, die mich gleichsam wie ein Gesetz regieren muss.


Übersetzer: Matthias Perkams