Original:
Abaelard über die Gewissensfreiheit der Verfolger Christi
Si quis tamen quaerat, utrum illi martyrum vel Christi persecutores in eo peccarent, quod placere deo credebant, aut illud sine peccato dimittere possent, quod nullatenus esse dimittendum censebant, profecto secundum hoc, quod superius peccatum descripsimus esse – contemptum dei vel consentire in eo, in quo credit consentiendum non esse – non possumus dicere eos in hoc peccasse nec ignorantiam cuiusquam vel ipsam etiam infidelitatem peccatum esse. Qui enim christum ignorant et ob hoc fidem christianam respuunt, quia eam deo contrariam credunt, quem in hoc contemptum dei habent, quod propter deum faciunt et ob hoc bene se facere arbitrantur, praesertim cum apostolus dicat ,si cor nostrum non reprehendit nos, fiduciam habemus ad deum‘, tamquam si diceret: ubi contra conscientiam nostram non praesumimus, frustra nos apud deum de culpa reos statui formidamus?
Quelle:
Peter Abaelard:
Ethica
/
Ethica
(
eth.)
I § 37 (p. 56. 58 Luscombe).
Edition: Peter Abelard’s Ethics. An Edition with Introduction, English Translation and Notes by D. E. Luscombe, Oxford 1971.
Auslegung:
In diesem berühmten Text spricht sich Abaelard eindeutig dagegen aus, dass die Juden, die Christus verfolgt haben, gesündigt haben. Dass sich ein mittelalterlicher Autor so dezidiert zu dieser Frage äußert, hat einige Tragweite, wenn man bedenkt, dass die Rolle der „Juden“ beim Tod Christi antijudaistische Tendenzen jahrhundertelang bestärkt hat. Tatsächlich trifft Abaelard diese Aussage vor dem Hintergrund der Theorie der Sünde, die er vorher entwickelt hat: Nicht jede schlechte und sachlich falsche Handlung sei Sünde im eigentlichen Sinn, sondern nur eine Handlung, in der jemand einer Handlungsmöglichkeit innerlich zustimmt, die er als schlecht beurteilt (Zitat Nummer 616). Eine solche Zustimmung ist für Abaelard „eine Missachtung Gottes“, wie auch hier im Text erwähnt wird. Insofern kann eine Unwissenheit über den richtigen Handlungsablauf auch genügen, um jemanden von seiner Sünde freizusprechen.
Am Ende des Textes wird deutlich, dass diese Haltung von Abaelards Deutung des
neuen Testaments inspiriert ist: Er zitiert aus dem 1.
Johannesbrief Vers 3, 21 und sieht hierin eine weitgehende Autonomie des Menschen ausgedrückt (ebenso in Zitat Nummer 372, wo dieser Vers ebenfalls im Hintergrund steht). Das ist bemerkenswert, weil die griechische Version des Verses dem Menschen, der mit sich selbst im Reinen ist, in der Tat das alte philosophische Ideal des Freimuts (
παρρησία/parrhēsia) zuspricht.
So bemerkenswert klar Abaelards Ansatz grundlegend ist, so differenziert fällt er im Detail aus: Für ihn sind die Verfolger deswegen frei von Sünde, weil sie nicht gegen ihr Gewissen handeln. Das ist deswegen der Fall, weil sie das tun, was sie nach bestem Wissen und Gewissen für Gottes Wille halten. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie eine gute Tat vollbracht haben. Vielmehr beruht ihre gottgefällige Intention bei der Tötung eines Unschuldigen, und eigentlich hätten sie ihre Meinung ändern müssen (vgl. Zitat Nummer 371).
Themen:
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Gesetz und Gewissen
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Gewissensfreiheit
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Sünde
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Autonomie (des menschlichen Urteils)
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Freimut (parrhēsia)
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Antisemitismus
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Gewissen
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Glaube
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Gott
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Handeln/Handlung
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Intention
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Irrtum
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Jesus Christus
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Judentum und Philosophie
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Unwissenheit/Unkenntnis
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Zustimmung
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Tötung/Mord