Original:
Abaelard über die inhärenten Grenzen des gesetzmäßigen Handelns
[1] Pauper aliqua mulier infantulum habet lactentem nec tantum indumentorum habet ut et paruulo in cunis et sibi sufficere possit. Miseratione itaque infantuli commota, eum sibi apponit ut propriis insuper foueat pannis, et tandem [...], opprimere cogitur quem amore summo amplectitur. [...] Tamen [...] grauis ei poena iniungitur, non pro culpa quam commiserit, sed ut ipsa deinceps uel ceterae feminae [...] cautiores reddantur.
[2] Nonnumquam etiam contingit aliquem ab inimicis suis apud iudicem accusari, et tale quid illi imponi unde illum innocentem esse iudex cognoscit [...], testes proferunt licet falsos ad eum quem accusant conuincendum. Quos tamen testes cum nequaquam iudex manifestis de causis refellere possit, eos suscipere lege compellitur, et eorum probatione suscepta punit innocentem.
[3] Debet ergo punire illum qui puniri non debet. Debet utique quia quod ille non meruit hic secundum legem iuste agit.
Quelle:
Peter Abaelard:
Ethica
/
Ethica
(
eth.)
I § 24 (p. 38-40 Luscombe).
Edition: Peter Abelard’s Ethics. An Edition with Introduction, English Translation and Notes by D. E. Luscombe, Oxford 1971.
Auslegung:
Dieses Zitat enthält zwei Abschnitte, in denen Abaelard die Grenzen menschlicher Gerechtigkeit und ihre Notwendigkeiten erwägt. Beide zielen letztlich darauf ab, dass menschliche, positive Gesetze keine vollständige Gerechtigkeit herstellen können, begründen das aber unterschiedlich.
Im ersten Abschnitt geht es um das Beispiel einer Mutter, die ihr Kind wärmen will, es an sich drückt und dabei zufällig umbringt. Trotz ihrer Liebe, die für Abaelard eine gute Intention ist, schädigt die Mutter auf diese Weise das Kind. Abaelard nimmt an, dass sie persönlich keine Schuld trifft (was natürlich von den Umständen des Einzelfalls abhängen mag), und meint trotzdem, dass sie zu Recht nach menschlichem Gesetz bestraft werden kann. Denn menschliche Gesetze hätten eine Abschreckungsfunktion, die andere Menschen zu gutem Handeln anregen sollte. Daher könnten sie auch im Einzelfall ungerechte Urteile treffen.
Im zweiten Beispiel geht es um einen Richter, der jemanden aufgrund einer korrekten Anwendung der geltenden Gesetzeslage und Prozessrichtlinien verurteilt, obwohl er persönlich der zutreffenden Überzeugung ist, dass der Beschuldigte unschuldig ist. Um dem Gesetz Geltung zu verschaffen, was sein Beruf ist, muss der Richter ihn trotzdem verurteilen.
Punkt 3 weist in diesem Zusammenhang noch einmal pointiert auf die Ambivalenz guten und schlechten Handelns hin (vgl. Zitat Nummer 792): Der Richter muss, um seinen Beruf entsprechend der gesetzlichen Ordnung zu erfüllen (vgl. dazu auch Zitat Nummer 1016), etwas tun, was der Sache nach ungerecht ist. Die Aufrechterhaltung der Ordnung macht dies aber auf höherer Ebene gerecht. Gerade diese Überlegung ist auch heute von Bedeutung, wenn wir den Wert einer funktionierenden und zuverlässigen Rechtsordnung bedenken.
Themen:
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Gesetz und Gewissen
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Handeln/Handlung
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Gesetz(e)
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Positives Gesetz
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Richter
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Strafe
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Sünde
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Tötung/Mord
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Ambivalenz (von Handlungen)
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Gericht (menschliches)