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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Cambridger Kommentar (Vorlesungsmitschrift) II (p. 337)

Original:

Abaelard über die Gewissheit aus dem Gewissen
Si enim nosmetipsos diiudicaremus, non utique iudicaremur a domino. Dominus enim permittit nos nostro iudicio, ut id, quod in nobis est corrigendum, libere iudicemus, volens nos iudicio proprio iudicium suum vitare, ad quod ipse quasi coactus accedit. At vero latro aliquis, si hoc modo de se iudicium facere posset, non multum iudicem metueret, cuius iudicium ipse praeveniret.

Quelle: Peter Abaelard: Cambridger Kommentar (Vorlesungsmitschrift) /Commentarius Cantabrigiensis (reportatio) (com.ca.) II (p. 337).
Edition: Zitiert nach Perkams, Liebe als Zentralbegriff der Ethik, Münster 2001, 253.

Auslegung:

Dieses Zitat aus einer Vorlesung Abaelards ist ein bemerkenswertes mittelalterliches Zeugnis für die Autonomie eines Menschen bzw. insbesondere eines Christen: Durch das eigene Urteil über die eigenen Fehler hat jede und jeder die Möglichkeit, das Gericht Gottes und eine entsprechende Strafe zu vermeiden. Mit dieser Aussage trägt Abaelard der christlichen Grundmaxime Rechnung, dass dem Menschen stets eine Umkehr zum Besseren möglich ist. Er geht aber insofern darüber hinaus, dass er dem menschlichen Urteil über sich selbst, also einem Urteil des Gewissens über die eigenen Intentionen, eine objektive Dignität und Autorität zutraut, die letzten Endes dem göttlichen Urteil gleichkommt. Damit wird eine subjektive Perspektive als gültig anerkannt, solange es sich um ein ehrliches und abgewogenes Urteil über die eigene Person handelt – und daher im Sinne einer guten, von Liebe geleiteten Intention nicht falsch ist (vgl. Zitat Nummer 371). Das ist letztlich Abaelards Auslegung der Neutestamentlichen Stelle 1. Johannesbrief 3, 21, die er anderswo auch zitiert (vgl. Zitat Nummer 355).

Themen:

  • Gesetz und Gewissen
  • Gott
  • Gewissheit
  • Freiheit (Vorlesung)
  • Gewissen
  • Sünde
  • Totengericht
  • Autonomie (des Gewissens)
  • Gericht (göttliches)

Wenn wir uns selbst richten würden, würden wir von Gott gar nicht mehr gerichtet. Denn Gott überlässt uns unserem Gericht, damit wir das, was in uns zu korrigieren ist, frei richten, da er will, dass wir durch das eigene Gericht sein Gericht vermeiden, zu dem er gleichsam gezwungen hinzutritt. Und sogar irgendein Räuber würde, wenn er auf diese Weise über sich ein Gericht vollziehen könnte, den Richter nicht mehr fürchten, dessen Gericht er selber zuvorgekommen wäre.


Übersetzer: Matthias Perkams