Original:
Bernhard von Clairvaux’ (ca. 1090-1153) Kritik an Abaelards Glaubensbegriff
In primo limine Theologiae, vel potius „Stultilogiae“ suae fidem diffinit
aestimationem, quasi cuique in ea sentire et loqui quae libeat licet [...] Sed
absit, ut putemus in fide [...] nostra aliquid [...] dubia aestimatione
pendulum, et non magis totum quod in ea est certa ac solida veritate
subnixum [...]. Academicorum sint istae aestimationes, quorum est dubitare
de omnibus, scire nihil.
Quelle:
Bernhard von Clairvaux:
Brief
/
Epistula
(
ep.)
190.
Edition: Bernhard von Clairvaux, Sämtliche Werke, Lateinisch-Deutsch. Herausgegeben G. B. Winkler, Wien 1990-1999, Bd. 3, S. 90.
Auslegung:
Dieser Text gehört zu einer Polemik, mit der sich Bernhard von Clairvaux gegen Peter Abaelard wendet. Er ist häufig als typisches Zeugnis einer Kontroverse zwischen dem Rationalitätsideal der Lehrer an den Kathedralschulen, wie Abaelard, und den Theologen in den Klöstern, wie Bernhard, gelesen worden. Konkret wendet sich Bernhard gegen Abaelards Projekt, eine „Theologie“ zu schreiben. Dieser Begriff, der in der Antike eine philosophische Gotteslehre bezeichnete (Zitat Nummer 692), wurde von Abaelard ins christliche Denken in lateinischer Sprache eingeführt, um dort die rationale Erörterung des christlichen Gottesbildes zu bezeichnen. Bernhard empfindet einen solchen, der griechischen Philosophie entlehnten Titel als anmaßend und verspottet ihn deswegen als „Dummheits-Logie“.
Noch mehr aber stört ihn Abaelards Charakterisierung des Glaubens als Einschätzung bzw. Meinung (
aestimatio oder richtiger
existimatio; Zitat Nummer 38): Was für Abaelard der Versuch einer wissenschaftlichen Definition ist, ist für Bernhard eine Gefährdung der Festigkeit, mit der alle Christen am Glauben festhalten sollen. Gleich stellt er eine Beziehung zu den Akademikern her, also den antiken Skeptikern in der Tradition Ciceros (vgl. Zitat Nummer 224), und unterstellt Abaelard so, die Grundlagen des Glaubens unterminieren zu wollen – was diesem völlig fernliegt. Obwohl Bernhard also, in polemischer Tradition, Abaelards Intention völlig verkehrt, zeigt seine Bemerkung, wie anstößig die Tendenz, christliche Begriffe zu definieren und wissenschaftlich zu behandeln, auf einige Zeitgenossen wirken konnte.
Themen:
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