Original:
Peter Abaelard über das Verhältnis von Vernunft und Autorität
Beato attestante Augustino in omnibus auctoritatem humanae antiponi rationi convenit, maxime autem in his quae ad deum pertinent tutius auctoritate quam humano nitimur ingenio.
Quelle:
Peter Abaelard:
Theologia ,Scholarium‘
/
Theologia ,Scholarium‘
(
Tsch.)
II, 16 (p. 413, 6-9).
Edition: Petri Abaelardi Opera theologica 3. Theologia ,Summi Boni‘. Theologia ,Scholarium‘. Cura et studio E. M. Buytaert et C. J. Mews (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis 13), Turnhout 1987.
Auslegung:
Hier trifft Abaelard eine bedeutende Stellungnahme zu den Begriffen „Autorität“ (
auctoritas) und „Vernunft“ (
ratio). Diese beiden Begriffe, von denen der erste spezifisch für die lateinische Sprache ist und im Altgriechischen kein Äquivalent hat, werden seit Cicero und Augustinus von lateinischen Denkern kontrovers diskutiert. Für christliche Denker des Mittelalters, die der Scholastik angehören, ist Abaelards Aussage auf den ersten Blick typisch: Ihr wissenschaftliches Prinzip ist, den durch die Bibel und die Kirchenväter überlieferten christlichen Glauben mit der Vernunft zu erklären. Daher müssen die genannten Autoritäten zunächst einmal einen Vorrang gegenüber der Vernunft haben, und der Vernunft kommt im innerchristlichen Kontext primär die Aufgabe zu, die verschiedenen, und häufig nicht übereinstimmenden, Autoritäten zu vergleichen und aus ihrer Abwägung heraus eine ausgewogene Position zu formulieren. Daraus entwickelt sich die Methode des „Sic et Non“, des „Ja und Nein“, mit der verschiedene Thesen verglichen werden, die sich aus den Autoritäten heraus formulieren lassen.
Tatsächlich hat Abaelard starken Anteil an der Herausbildung dieser Methode, die hermeneutisch sehr differenziert vorzugehen vermag. Für das vorliegende Zitat ist zu bedenken, dass er hier sehr vorsichtig formuliert, um seinen innerchristlichen Kritikern keinen Anlass für weitere Vorwürfe zu liefern. Eine noch größere Bedeutung hat die Vernunft, wenn z.B. verschiedene Religionen verglichen werden (vgl. Zitat Nummer 686).
Themen:
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Autorität
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Vernunft
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Mittelalterliche Philosophie
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Scholastik
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Gott (Rede von)