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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Ibn Ṭufail : Ḥayy ibn Yaqẓān (p. 108f.; 113; 116; 119f. Gauthier)

Original:

Ibn Ṭufail charakterisiert die unio mystica und schildert den Weg dorthin
(1) وألذي يشاهد هذه المشاهدة قد غابت عنه ذات نفسه وفنيت وتلاشت وكذلك سائر الذوات كثيرة ... إلا ذات الواحد الحق الواجب الوجود.
(2) ثم أخذ في ... التشبه بالاجسام السماوية والاقتداء بها ... والتزم مع ذلك ضروب الحركة على الاستدارة، وتارة كان يطوف بالجزيرة ... وتارو كان يطوف ببيته أو ببعض الكدى أدوارا معدودة …‘ وتارة يدور على نفسه حتى يغشي عليه. ...
(3) وما زال يقتصر على السكون في قعر مغارته مطرقا غاضا بصره (...) مجتمع الهم والفكرة في الموجود الواجب الوجود وحده دون شركه‘ ... ربما كانت تغيب عن ذكره وفكره جميع الأشياء إلا ذاته‘ فأنها كانت لا تغيب عنه في وقت استغراقه (...) فكان يسوءه (...) فما زال يطلب الفناء (...) فغابت عن ذكره وفكره السموات والارض (...) وغابت ذاته في جملة تلك الذوات وتلاشى الكل‘ واضمحل.


Quelle: Ibn Ṭufail : Ḥayy ibn Yaqẓān /Ḥayy ibn Yaqẓān (p. 108f.; 113; 116; 119f. Gauthier).
Edition: Hayy ibn Yaqzan. Roman philosophique d'I̕bn Ṭufayl. Texte arabe et traduction française par Léon Gauthier, Beirut 1936 (Nachdruck Frankfurt 1999).

Auslegung:

Ibn Tufail (vgl. Zitat Nummer 470) beschreibt hier die mystische Vereinigung mit Gott näher als Entpersonalisierung. Damit drückt er den bereits bei Plotin zu findenden Gedanken aus, dass sich die menschliche Personalität in der Vereinigung mit dem göttlichen Einen in dieses hinein auflöst und vollendet. Zugleich wird das Eine mit den drei göttlichen Namen des Wahren und des notwendig Seienden weiter charakterisiert, wobei letzterer auch einen Kernbegriff der Philosophie Ibn Sīnās/Avicennas bildet (vgl. Zitat Nummer 87).
Nachdem in Abschnitt [1] allgemein die Vereinigung mit Gott geschildert wird, gehen die Abschnitte [2] und [3] auf einzelne Schritte auf diesem Weg ein: In Abschnitt [2] wird insbesondere die körperliche Nachahmung der kreisrunden Bahnen der Himmelskörper (Mond, Sterne und Planeten) und ihrer Umlaufbahnen (Sphären) geschildert. Diese stehen für Ibn Tufail in aristotelischer Tradition (vgl. Zitate Nummer 667 und 258) dem Göttlichen besonders nahe und können uns dort hinführen. In Abschnitt [3] wird schließlich die völlige Abgeschiedenheit des Mystikers geschildert: Dieser ist, wie der Prophet Mohammed beim Empfang des Korans, in einer Höhle und ganz auf sich selbst fokussiert. Dabei verliert er sich ganz ins Göttliche, und alles Irdische löst sich auf. Besonders eindrucksvoll wird hier noch einmal geschildert, wie sich schließlich auch das eigene Wesen des Mystikers in alle Dinge hinein auflöst und dieser gerade durch diese Entpersonalisierung glücklich ist. Mit seiner prägnanten Darstellung dieser Themen ist der Ḥayy ibn Yaqẓān bis heute ein gern gelesener Text unter gebildeten Muslimen.

Themen:

  • Judentum und Islam
  • Unio mystica
  • Wege des Ich
  • Eines (das Eine)
  • Gott
  • Mystik
  • Philosophie und Religion
  • Wahrheit
  • Arabisch-islamische Philosophie
  • Mensch und Seele

[1] Wer auf eine solche Weise schaut, dem entschwindet seine eigene Wesenheit (ḏāt nafsihi), und es lösen sich auf und entschwinden ebenso die übrigen vielen Wesenheiten [...] außer der Wesenheit des Einen, des Wahren, des notwendig Seienden (al-wāḥid al-ḥaqq al-wāğib al-wuğūd).
[2] Er [Ḥayy ibn Yaqẓān] nahm […] die Ähnlichkeit mit und die Nachahmung von den Himmelskörpern in Angriff […] und führte zugleich Bewegungen im Kreise aus: Mal ging er herum um die Insel […], mal ging er herum in seinem Haus oder um bestimmte Felsen in einigen Kreisen […], und mal drehte er sich um sich selbst, bis er ohnmächtig wurde. […]
[3] Und dauernd zielte er auf Ruhe in der Tiefe seiner Höhle, mit gesenktem Blick und geschlossenen Augen […], wobei er das Bemühen und Denken allein auf das notwendig Seiende ohne einen Gefährten fokussierte. […] Manchmal verschwanden aus seinem Denken und seiner Aufmerksamkeit alle Dinge außer seinem eigenen Wesen. Und dass dieses in der Zeit seiner Versenkung nicht daraus verschwand […], das betrübte ihn, […] und dauernd bemühte er sich um das Nichtig-Werden […]. Schließlich verschwanden aus seinem Denken und seiner Aufmerksamkeit die Himmel und die Erde, […] und es verschwand sein Wesen in der Menge dieser Wesen, und nichtig wurde das All und löste sich auf.


Übersetzer: Schaerer, leicht geändert von Matthias Perkams