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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Albertus Magnus: Physik (Albertus Magnus) I 1

Original:

Albertus Magnus über sein Projekt, die aristotelische Wissenschaft den Lateinern bekannt zu machen
[1] Intentio nostra in scientia naturali est satisfacere pro nostra possibilitate fratribus ordinis nostri nos rogantibus ex pluribus iam praecedentibus annis, ut talem librum de physicis eius componeremus, in quo et scientiam naturalem perfectam haberent et ex quo libros Aristotelis competenter intelligere possent. [...]
[2] Erit autem modus noster in hoc opere Aristotelis ordinem et sententiam sequi et dicere ad explanationem eius et ad probationem eius, quaecumque necessaria esse videbuntur, ita tamen, quod textus eius nulla fit mentio. Et praeter hoc digressiones faciemus declarantes dubia suborientia et supplentes. [...]
[3] Cum autem tres sint partes essentiales philosophiae realis – quae, inquam, philosophia non causatur in nobis ab opere nostor, sicut causatur scientia moralis [...] – quae partes sunt naturalis sive physica et metaphysica et mathematica, nostra intentio est omnes dictas partes facere Latinis intelligibiles.

Quelle: Albertus Magnus: Physik (Albertus Magnus) /Physica (phys.) I 1.
Edition: Albertus Magnus, Physica. Libri I-IV (Editio Coloniensis 14, 1). Edidit Paul Hossfeld, Münster 1987.

Auslegung:

Albertus Magnus erläutert hier sein Projekt, die aristotelische Wissenschaft den Lateinern, d.h. den Christinnen und Christen Mittel-, West- und Südeuropas, deren Schriftsprache Latein war, zugänglich zu machen. In den Jahren nach ca. 1250, als dieser Text entstand, führte Albert dieses Projekt tatsächlich durch und kommentierte, d.h. erklärte, auf Latein sämtliche Werke des Aristoteles. Auf diese Weise wurde der aristotelische Text den wissenschaftlich gebildeten Zeitgenossen Alberts verständlich, und Aristoteles wurde für Jahrhunderte zum Fundament insbesondere der philosophischen Lehre an den Universitäten, die sich im 13. Jahrhundert konstituierten.
Albert rechtfertig sein Projekt, indem er auf einen Wunsch seiner Ordensbrüder im Dominikanerorden verweist. Solche Wünsche mag es gegeben haben, aber Alberts Formulierung drückt vor allem seine christliche Demut aus: Nicht er selbst aus eigenem Entschluss hat dieses Projekt begonnen, sondern er tat es auf den Wunsch seines Umfelds und insofern aus sozialer bzw. christlicher Verantwortung. Im Schwerpunkt von Alberts Interessen steht insbesondere die Naturphilosophie bzw. Physik, die von Aristoteles besonders ausführlich behandelt wurde. Später erklärte Albert aber auch die übrigen Schriften des Aristoteles. Das wird in [3] von Albert unter Bezugnahme auf Aristoteles’ Einteilung der theoretischen Philosophie in Physik, Mathematik und Metaphysik (Zitat Nummer 692) angekündigt. Hier spielt die Ethik noch keine Rolle, die Albert aber im Folgenden auch kommentiert, und zwar deutlich ausführlicher als seine arabischen Vorgänger.
In [2] finden sich einige Bemerkungen zur Methodik, die zeigen, dass Albert sich zwar an den von Aristoteles’ behandelten Themen und deren Anordnung orientiert, aber seinen Text eigenständig formuliert und in zahlreichen Exkursen („Digressionen“) philosophische Fragen klärt, die sich ihm stellen. Tatsächlich reagiert Albert in diesen Exkursen nicht nur auf Fragestellungen seines eigenen europäischen Umfelds, sondern erörtert und diskutiert auch die Meinungen seiner arabischen Gewährsleute Averroes und Avicenna, denen er große Teile der Ideen verdankt, die seiner Kommentierung zugrunde liegen.

Themen:

  • Aristoteles
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Kommentar/Kommentierung
  • Philosophie, Teile der
  • Physik/Naturphilosophie
  • Lateiner/lateinische Welt

[1] Unsere Intention in der Naturwissenschaft ist es, nach unserer Fähigkeit den Brüdern aus unserem Orden Genüge zu tun, die von uns schon seit vielen Jahren fordern, dass wir für sie ein Buch über die Physik zusammenstellen, in dem sie die Naturwissenschaft vollständig besitzen und durch das sie die Bücher des Aristoteles kompetent verstehen können. [...]
[2] Unsere Vorgehensweise in diesem Werk wird aber darin bestehen, Aristoteles’ Anordnung und Meinung zu folgen und zu ihrer Erklärung und ihrem Beweis das zu sagen, was uns notwendig scheint, aber so, dass sein Text nicht erwähnt wird. Und außerdem werden wir Exkurse anstellen, die auftretende Probleme benennen und ergänzen. [...]
[3] Weil es aber drei wesentliche Teile der realen Philosophie gibt – ich meine derjenigen, die nicht durch unsere Tätigkeit in unseren Werken in uns verursacht wird, so wie die Moralwissenschaft – [...], nämlich Naturphilosophie oder Physik, Metaphysik und Mathematik, ist es unsere Absicht, alle drei Teile, den Lateinern verständlich zu machen.


Übersetzer: Matthias Perkams