Original:
Ein besorgter Dominikaner wendet sich an Albertus Magnus
Venerabili in Christo patri ac domino Alberto [...] frater Aegidius ordinis praedicatorum. [...] Articulos quos proponunt in scholis magistri Parisienses, qui in philosophia maiores reputantur, [...] dignum duxi, ut eos iam in multis congretationibus impugnatos vos oris vestri spiritu interimatis:
I. Quod intellectus omnium hominum est unus et idem numero.
II. Quod ista est falsa vel impropria: homo intelligit.
III. Quod voluntas hominis ex necessitate vult et eligit.
IV. Quod omnia quae in inferioribus aguntur subsunt necessitati corporum caelestium.
V. Quod mundus est aeternus. [...]
VII. Quod anima, quae est forma hominis secundum quod homo, corrumpitur corrupto corpore. [...]
X. Quod deus non cognoscit singularia.
Quelle:
Albertus Magnus:
Die fünfzehn Streitfragen
/
De quindecim problematibus
(
quindec. probl.)
Einleitung.
Edition: Albertus Magnus, De quindecim problematibus, edidit P. Mandonnet, in: Alberti Magni Opera omnia (Editio coloniensis) 17, 1, Münster 1975.
Auslegung:
Dieser Text ist ein aufschlussreiches Zeugnis dafür, welche Thesen, die insbesondere aus der aristotelischen und islamischen Philosophie abgeleitet worden waren, im mittelalterlichen Paris für besondere Aufregung sorgten. Konkret wendet sich ein besorgter Dominikanermönch an seinen Mitbruder Albertus Magnus, um seine Sorge über einige Behauptungen auszudrücken, welche die Pariser „Magister der Philosophie“ in ihren Vorlesungen vertreten. Gemeint sind damit insbesondere die Lehrenden an der Fakultät für die freien Künste, der heutigen philosophischen Fakultät, deren Lehrer sich, nicht zuletzt unter dem Einfluss des Aristoteles und Averroes, zunehmend als Philosophen beschrieben und für solche gehalten wurden (Zitat Nummer 48). Ihre Vorlesungen bildeten eine Art Grundstudium, die alle Studenten durchlaufen mussten, bevor sie sich der Theologie, der Medizin oder dem Recht zuwenden konnten.
Folgende Probleme ihres Unterrichts werden hier moniert:
(a) die Annahme der Einheit des Intellekts (vgl. Zitate Nummer 117, 474f. und 485), welche in den Augen des Fragenden die Ablehnung einer individuellen Seele und einer individuellen Unsterblichkeit impliziert,
(b) der Determinismus, den man aus der Bedeutung notwendiger Ursachen, z.B. bei Avicenna ableitete (vgl. Zitat Nummer 454),
(c) das viel diskutierte Problem der Ewigkeit der Welt,
(d) die Ablehnung der Annahme, Gott könne Einzelnes erkennen, die man aus Aristoteles’ Wissenschaftstheorie ableitete.
Diese Thesen, welche bemerkenswerte Parallelen zur Philosophiekritik des al-Ġazālī im islamischen Kontext aufweisen, sind für Albertus Magnus auch deswegen problematisch, weil sie mit der Lehre des Aristoteles und seiner arabischen Ausleger verbunden sind, die er selbst, ebenso wie sein Schüler Thomas von Aquin, im lateinischen Raum heimisch machen will. Daher hat er selbst ein Interesse an einer Behandlung dieser Fragen, die zeigt, dass man zugleich Christ und Aristoteliker sein kann.
Themen:
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Judentum und Islam
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Mittelalterliche Philosophie
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Averroes/Averroismus
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Denken
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Ewigkeit der Welt
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Intellekt/Geist/Denkseele
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Intellekt (Einheit des)
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Körper und Seele
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Mensch
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Philosophieunterricht
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