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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Bibel, Neues Testament (Autor unbekannt): Evangelium nach Johannes 8, 31-34

Original:

Jesus Christus lehrt nach dem Johannesevangelium die wahre Freiheit
[1] Ἔλεγεν οὖν ὁ Ἰησοῦς πρὸς τοὺς πεπιστευκότας αὐτῷ Ἰουδαίους, Ἐὰν ὑμεῖς μείνητε ἐν τῷ λόγῳ τῷ ἐμῷ, ἀληθῶς μαθηταί μού ἐστε, καὶ γνώσεσθε τὴν ἀλήθειαν, καὶ ἡ ἀλήθεια ἐλευθερώσει ὑμᾶς.
[2] ἀπεκρίθησαν πρὸς αὐτόν, Σπέρμα Ἀβραάμ ἐσμεν καὶ οὐδενὶ δεδουλεύκαμεν πώποτε· πῶς σὺ λέγεις ὅτι Ἐλεύθεροι γενήσεσθε; ἀπεκρίθη αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς, Ἀμὴν ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι πᾶς ὁ ποιῶν τὴν ἁμαρτίαν δοῦλός ἐστιν τῆς ἁμαρτίας. […] ἐὰν οὖν ὁ υἱὸς ὑμᾶς ἐλευθερώσῃ, ὄντως ἐλεύθεροι ἔσεσθε.

Quelle: Bibel, Neues Testament (Autor unbekannt): Evangelium nach Johannes /Ευαγγέλιον Κατὰ Ιωάννην /euangelion kata Iōannēn 8, 31-34.
Edition: Novum testamentum Graece. Begründet von E. und E. Nestle. Heraugegeben von B. und K. Aland / J. Karavidopoulos / C. M. Martini / B. M. Metzger, 28. revidierte Auflage, Stuttgart 2012 (griech.).

Auslegung:

Dieser Text aus dem Johannesevangelium gehört zu den neutestamentlichen Aussagen, die das Neue des Christentums durch Vergleich mit dem Judentum deutlich zu machen suchen, aus dem das frühe Christentum historisch entstanden ist, da Jesus und seine Jünger Juden waren. Freiheit erscheint in diesem Text, ebenso wie in einigen Aussagen des Apostels Paulus, als ein Zentralbegriff dieser neuen Dimension: Allerdings wird Freiheit hier nicht als Gegensatz zum jüdischen Gesetz als solchem gesehen, sondern aus Gegensatz zur Sündigkeit der Menschen, die ihrerseits eine Form von Unfreiheit ist. Worin diese besteht, wird im Text nicht ganz klar, doch liegt es nahe, die Sünde als ein Abweichen von der Wahrheit zu sehen. Das kann man sowohl als Ausdruck einer persönlichen Authentizität lesen als auch als Bezug zur durch Gott verbürgten Wahrheit, je nachdem, ob man die Sünde eher als ein Vergehen gegen die eigene Bindung an die Wahrheit und die Güte oder als Verstoß gegen die eigene Abhängigkeit von Gott sieht. So schwer der Text im Detail zu interpretieren ist, so eindrucksvoll ist doch die darin ausgedrückte Freiheitssymbolik: Das Gegenteil von Freiheit ist mit Knechtschaft und Sklaverei sehr negativ konnotiert, während die Freiheit durch ihre Verbindung mit der Wahrheit sehr positiv gesehen wird. Auch die Idee des Frei-Werdens durch gute Lebensführung ist deutlich zu erkennen. Nicht zufällig stellen diese Punkte Berührungen zu zeitgenössischen philosophischen Idealen, z.B. bei Epiktet (Zitat Nummer 240) dar, ohne dass eine direkte Abhängigkeit zu erkennen wäre. In der westlichen Geistesgeschichte hat dieser Text stark gewirkt, z.B. bei Ockhams Ablehnung einer absoluten Macht des Papstes (Zitat Nummer 634) oder in Luthers Rede von der Freiheit des Christenmenschen.

Themen:

  • Freiheit (Vorlesung)
  • Abraham
  • Freiheit
  • Gesetz (religiöses)
  • Jesus Christus
  • Sünde
  • Wahrheit
  • Christentum und Judentum
  • Sklaverei (symbolisch)

[1] Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: "Wenn ihr bleiben werdet in meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen."
[2] Da antworteten sie ihm: "Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?" Jesus antwortete ihnen und sprach: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. […] Wenn euch also der Sohn befreit, so seid ihr wirklich frei."


Übersetzer: Lutherbibel (revidiert 1984)