Original:
Der Apostel Paulus berichtet über die Zerrissenheit seines eigenen Wollens
Οἶδα γὰρ ὅτι οὐκ οἰκεῖ ἐν ἐμοί, τοῦτ᾿ ἔστιν ἐν τῇ σαρκὶ μου, ἀγαθόν· τὸ γὰρ θέλειν παράκειταί μοι, τὸ δὲ κατεργάζεσθαι τὸ καλὸν οὔ. οὐ γὰρ ὃ θέλω ποιῶ ἀγαθόν, ἀλλὰ ὃ οὐ θέλω κακὸν τοῦτο πράσσω. εἰ δὲ ὃ οὐ θέλω τοῦτο ποιῶ, οὐκέτι ἐγὼ κατεργάζομαι αὐτὸ ἀλλὰ ἡ οἰκοῦσα ἐν ἐμοὶ ἁμαρτία. εὑρίσκω ἄρα τὸν νόμον, τῷ θέλοντι ἐμοὶ ποιεῖν τὸ καλόν, ὅτι ἐμοὶ τὸ κακὸν παράκειται. συνήδομαι γὰρ τῷ νόμῳ τοῦ θεοῦ κατὰ τὸν ἔσω ἄνθρωπον, βλέπω δὲ ἕτερον νόμον ἐν τοῖς μέλεσίν μου ἀντιστρατευόμενον τῷ νόμῳ τοῦ νοός μου καὶ αἰχμαλωτίζοντά με ἐν τῷ νόμῳ τῆς ἁμαρτίας τῷ ὄντι ἐν τοῖς μέλεσιν μου.
Quelle:
Bibel, Neues Testament (Paulus von Tarsus):
Römerbrief
/
ΠΡΟΣ ΡΩΜΑΙΟΥΣ
/
Pauli epistula ad Romanos
(
Röm.)
7, 18-23.
Edition: Novum testamentum Graece. Begründet von E. und E. Nestle. Heraugegeben von B. und K. Aland / J. Karavidopoulos / C. M. Martini / B. M. Metzger, 28. revidierte Auflage, Stuttgart 2012 (griech.).
Auslegung:
In diesem Zitat schildert der Apostel Paulus anhand seiner eigenen Erfahrung die Unfähigkeit, das Gute, das jemand erkannt hat, in die Tat umzusetzen. Es ist bemerkenswert, wie sehr sein Text dabei auf eine Ich-Erfahrung rekurriert, die den Eindruck einer persönlichen Erfahrung macht; das ist in der antiken Philosophie ungewöhnlich und wurde als Anklang an die griechische Tragödie und ihre Darstellung der Willensschwäche gedeutet (sog.
clear-eyed akrasia).
Im Übrigen wird darüber diskutiert, ob Paulus hier in erster Linie für sich selbst oder über die Situation eines jeden Menschen (
in persona generali) spricht. Es spricht jedenfalls viel dafür, hier eine Erläuterung der Aussage zu finden, dass faktisch alle Menschen sündigen (vgl. Zitat Nummer 57), was anhand der individuellen Erfahrung mit dem jeweils eigenen Wollen dargestellt wird. In diesem Fall muss die Aussage so verstanden werden, dass generell der menschliche Wille nicht in der Lage ist, die eigene gute Einsicht umzusetzen. Diese Lesart stellt allerdings die von den antiken Philosophen seit Sokrates betonte Möglichkeit infrage, dass jemand der das Gute erkennt, dies auch tut. Demgegenüber scheint Paulus eher dem modern anmutenden Gedanken verpflichtet, dass man das Gute, das man erkennt, auch erstmal umsetzen muss. In philosophiegeschichtlicher Perspektive bereitet der Text insofern eine Veränderung der Handlungspsychologie vor, in der der Wille stärker in den Fokus rückt, während die Bedeutung der Vernunft eher geringer wird. Dies wird zu einer der wichtigsten handlungstheoretischen Debatten der mittelalterlichen Philosophie werden (vgl. zur Interpretation Zitate Nummer 116, 253, 295, und 353).
Themen:
-
Glaube
-
Sünde
-
Gutes und Schlechtes
-
Mittelalterliche Philosophie
-
Antike Philosophie II
-
Freiheit (Vorlesung)
-
Göttlicher Wille
-
Gesetz(e)
-
Christentum und Philosophie
-
Ich/Ich-Bewusstsein
-
Römerbrief (Kapitel 7)
-
Wille
-
Willensschwäche