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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Ja und Nein Prolog

Original:

Peter Abaelard über Prinzipien der Hermeneutik
[1] Ad quam nos maxime pervenire impedit (a) inusitatus locutionis modus ac plerumque earundem vocum significatio diversa, cum modo in hoc modo in illa significatione vox eadem sit posita. [...] (b) Illud quoque diligenter attendi convenit, ne, dum aliqua nobis ex dictis sanctorum obiciuntur tamquam sint opposita vel a veritate aliena, falsa tituli inscriptione vel scripturae ipsius corruptione fallamur. [...] (c) Si itaque aliquid a veritate absonum in scriptis sanctorum forte videatur, pium est et humilitati congruum atque caritati debitum, quae ,omnia credit, omnia sperat, omnia sustinet’ nec facile vitia eorum quos amplectitur suspicatur, ut aut eum scripturae locum non fideliter interpretatum aut corruptum esse credamus, aut nos eam non intelligere profiteamur. [...]
[2] His omnibus praedictis modis solvere controversias in scriptis sanctorum diligens lector attentabit. Quod si forte adeo manifesta sit controversia, ut nulla possit absolvi ratione, conferendae sunt auctoritates, et quae potioris est testimonii et maioris confirmationis potissimum retinenda.

Quelle: Peter Abaelard: Ja und Nein /Sic et Non Prolog.
Edition: Peter Abelard, Sic et Non. A Critical Edition, by B. Boyer/R. McKeon, Chicago/London 1980.

Auslegung:

Hier legt Abaelard im Prolog zu seiner Sammlung Sic et Non (Ja und Nein; vgl. Zitat Nummer 64) Probleme und Prinzipien der Texthermeneutik dar. Diese ist für den scholastischen Denker insbesondere bei widersprüchlich erscheinenden Stellen in den Schriften der Heiligen und Philosophen wichtig, welche die Autoritäten des mittelalterlichen Diskurses bilden. In der Einleitung zum Sic et Non entwickelt Abaelard insgesamt sieben hermeneutische Prinzipien, von denen einige im obigen Zitat näher ausgeführt sind:
1. Man muss auf die exakte Bedeutung der im Text verwendeten Wörter achten.
2. Man muss darauf achten, ob der Autor des Textes richtig angegeben ist – ein häufiges Problem bei handschriftlich abgefertigten Abschriften.
3. Man muss darauf achten, ob manche Aussagen nachträglich vom Autor korrigiert wurden, wie es z.B. Augustinus in seinen Retractationes getan hat.
4. Man muss darauf achten, ob der Autor womöglich nur die Meinung anderer wiedergibt und nicht seine eigene nennt.
5. Man muss darauf achten, ob ein Autor wirklich die Wahrheit aussagen oder nur eine Meinung angeben wollte.
6. Man muss verschiedene Autoritäten miteinander vergleichen und abweichende Aussagen gegeneinander abwägen.
7. In diesem Zusammenhang ist es für den christlichen Denker besonders wichtig, inspirierte Aussagen wie solche aus der Bibel von nicht inspirierten Aussagen wie z.B. denen von Philosophen zu unterscheiden.
Mit diesen hermeneutischen Prinzipien wirkt Abaelard wesentlich an der Entwicklung der typisch scholastischen Methode des Sic et Non mit: Diese besteht darin, aus der Betrachtung verschiedener Aussagen heraus die Wahrheit zu erkennen. Aus diesen Überlegungen entsteht namentlich die Quaestio, also das anhand verschiedener Argumente diskutierte Problem, als typische Form mittelalterlichen Denkens.

Themen:

  • Hermeneutik
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Auslegung (autoritativer Schriften)
  • Autorität
  • Heteronome Texte
  • Quaestio
  • Sammlung (Anthologie)
  • Scholastik

[1] Zu diesem zu gelangen, hindert uns (a) besonders eine ungewöhnliche Ausdrucksweise und meistens die verschiedene Bedeutung derselben Worte, wenn dasselbe Wort mal in dieser, mal in jener Bedeutung verwendet wird. [...] (b) Auch dies gilt es sorgfältig zu beachten, dass wir nicht, wenn uns einiges von den Worten der Heiligen entgegengehalten wird, als stehe es im Widerspruch oder sei von der Wahrheit entfernt, durch die Aufschrift eines falschen Titels oder durch eine Verderbnis des Textes selbst getäuscht werden. [...] (c) Wenn daher gelegentlich in den Schriften der Heiligen etwas von der Wahrheit Abweichendes aufscheint, ist es respektvoll, der Bescheidenheit entsprechend sowie eine Pflicht der Liebe, die "alles glaubt, alles hofft, alles aushält" (1 Korinther 13, 7) und nicht leichthin bei denen, die sie umschließt, Fehler vermutet, dass wir annehmen, diese Schriftstelle sei entweder nicht treu interpretiert worden oder verdorben, oder dass wir bekennen, dass wir sie nicht verstehen. [...]
[2] Der sorgfältige Leser wird sich bemühen, auf alle genannten Weisen die Streitpunkte in den Schriften der Heiligen aufzulösen. Aber wenn der Streitpunkt einmal so deutlich ist, dass er durch kein Vernunftargument gelöst werden kann, dann müssen die Autoritäten verglichen werden, und die, die stärker bezeugt und besser bestätigt ist, ist in erster Linie festzuhalten.


Übersetzer: Matthias Perkams