Original:
Bernhard von Clairvaux (1090-1153) sieht den Willen als Ort der Entscheidungsfreiheit an
[1] Consensus nutus est voluntatis spontaneus [...]. Porro voluntas est motus rationalis et sensui praesidens et appetitui.
[2] Habet sane, quocumque se volverit, rationem semper comitem et quodammodo pedissequam, non quod semper ex ratione, sed quod numquam absque ratione moveatur.
Quelle:
Bernhard von Clairvaux:
Über die Gnade und den freien Willen
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De gratia et libero arbitrio
II. 3 (I, 167, 29-168, 4 Leclercq).
Edition: Bernhard von Clairvaux, Sämtliche Werke, Lateinisch-Deutsch. Herausgegeben G. B. Winkler, Wien 1990-1999, Bd. 1.
Auslegung:
In diesem Zitat formuliert Bernhard von Clairvaux seine Position zu der im Mittelalter viel diskutierten Frage nach dem Verhältnis von Wille und Vernunft in der menschlichen Handlung. Wie praktisch alle mittelalterlichen Denker ist er dabei der Meinung, dass der Wille ein Vermögen ist, das ein Vernunfturteil in gewisser Weise voraussetzt und auf dieser Basis entscheidet. Allerdings stellt Bernhard die Vernunft als sehr schwach dar und vergleicht sie mit einem Diener, der dem ganz freien Willen gleichsam nur eine Lampe voraufträgt. An deren Licht ist der Wille in keiner Weise gebunden, sondern er bringt spontan seine Zustimmung zu bestimmten Handlungen hervor. Für Bernhard ist das freilich keine Aussage über die Stärke, sondern über die Schwäche des Willens, denn dieser ist eigentlich nur zum Sündigen wirklich in der Lage – sonst würde er sich ja eng an die Vernunft halten. Trotzdem ist Bernhards Text interessant, insofern er ein frei wählendes Individuum charakterisiert, das nicht an ein Vernunfturteil gebunden ist. Damit wird er zu einer wichtigen Quelle für voluntaristische Theorien des Mittelalters.
Themen:
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Freie Entscheidung (liberum arbitrium)
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Freiheit (Vorlesung)
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Wille
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Mensch und Seele
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Zustimmung
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Wille und Vernunft
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Voluntarismus
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Vernunft (praktische)