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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Ja und Nein Anfang des Prologs

Original:

Peter Abaelard (1079-1142) über Probleme und Prinzipien der Texthermeneutik
Cum in tanta verborum multitudine nonnulla etiam sanctorum dicta non solum ab invicem diversa, verum etiam invicem adversa videantur, non est temere de eis iudicandum per quos mundus ipse iudicandus est, sicut scriptum est: ,Iudicabunt sancti nationes‘. [...] Ad nostram itaque recurrentes imbecillitatem nobis potius gratiam in intelligendo deesse quam eis in scribendo defuisse credamus. [...] Quid itaque mirum, si absente nobis spiritu ipso, per quem ea et scripta sunt et dictata [...], ipsorum nobis desit intelligentia?

Quelle: Peter Abaelard: Ja und Nein /Sic et Non Anfang des Prologs.
Edition: Peter Abelard, Sic et Non. A Critical Edition, by B. Boyer/R. McKeon, Chicago/London 1980.

Auslegung:

In diesem Zitat formuliert Peter Abaelard bereits im 12. Jahrhundert früh die hermeneutische Maxime, die später als „principle of charity“ bekannt geworden ist: Bei der Interpretation von Texten ist zunächst nicht davon auszugehen, dass der Text selbst sinnlose oder selbstwidersprüchliche Thesen formuliert, sondern es ist eher anzunehmen, dass auf Seiten der interpretierenden Person ein mangelndes Verständnis vorliegt. Für Abaelard gilt das insbesondere deswegen, weil die von ihm in seinem Werk Sic et Non (Ja und Nein) gesammelten Texte „Autoritäten“ sind, d.h. biblische, patristische (auf die Kirchenväter zurückgehende) oder philosophische Texte, bei denen er grundsätzlich davon ausgeht, dass sie recht haben. Das Problem, das ihm zum Zusammenstellen dieser Sammlung veranlasste, waren die Widersprüche, die er zwischen solchen Autoritäten feststellte. In der autoritätszentrierten Struktur des Mittelalters führten diese Widersprüche zu einem intensiven hermeneutischen und philosophischen Bemühen, das diese Widersprüche auflösen sollte. Dieses Vorgehen ist typisch für die so genannte „Scholastik“ des Mittelalters. Abaelard leistet hierzu eine wichtige Vorarbeit, indem er zahlreiche Texte mit widersprüchlichen Meinungen sammelt, also einen „heteronomen“ Text erstellt, der ganz auf seinen Vorlagen ruht. Ohne selbst in diesem Werk die Widersprüche aufzulösen, stellt er aber hermeneutische Prinzipien bereit, die zu ihrer Auflösung helfen können (vgl. Zitat Nummer 61). Damit entwickelt er einen thematisch geordneten Fundus an Problemen und Meinungen, der in den folgenden Jahrzehnten intensive Diskussionen anregte.

Themen:

  • Hermeneutik
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Auslegung (autoritativer Schriften)
  • Autorität
  • Heteronome Texte
  • Scholastik
  • Sammlung (Anthologie)

Bei einer so großen Fülle von Worten erscheinen einige Aussagen, auch von Heiligen, nicht nur voneinander verschieden, sondern sogar einander entgegengesetzt. Trotzdem dürfen wir nicht leichtfertig über die richten, durch die selbst die Welt gerichtet werden soll, wie geschrieben steht: "Die Heiligen werden über die Völker richten" (Weisheit 3, 8). [...] Wir sollen daher unsere eigene Schwachheit bedenken und eher glauben, dass uns die Gnade beim Verstehen fehle, als dass sie ihnen beim Schreiben gefehlt habe. [...] Was ist also daran erstaunlich, wenn uns in Abwesenheit des Heiligen Geistes, durch den dies geschrieben und diktiert wurde [...], uns das Verständnis hiervon fehlt?


Übersetzer: K. Flasch, leicht geändert von Matthias Perkams