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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Albertus Magnus: Kommentar zu Pseudo-Dionysios, Über die göttlichen Namen cap. 4 (Coloniensis 28, 1, p. 280, 55-67 und 281, 27-34 Simon)

Original:

Albertus Magnus über natura naturans und natura naturata
Ex hoc videtur accipi, quod natura universalis, a qua sunt omnes naturales rationales, ut dicitur in LITTERA, sit ars divina et tota natura sit universitas creaturarum et particularis natura sit natura uniuscuiusque.
[1] Sed videtur hoc esse falsum. Cui enim non convenit diffinitio naturae, quae ponitur a PHILOSOPHO, scilicet quod ´est principium motus et status in eo in quo est per se et non secundum accidens`, non convenit divinae arti, quae non est intrinsecum alicui nec per se principium motus et status; ergo non potest dici natura.
Solutio: Dicendum, quod hoc quod Commenstator nominant divinam artem universalem naturam, videtur esse secundum opinionem ILLORUM, qui distinguunt duplicem naturam, scilicet naturam naturantem et naturam naturatam, dicentes naturam naturantem deum. Sed hoc non invenitur nec ab aliquo philosopho nec ab aliquo sancto, quod deus dicatur natura, nisi inquantum in patre est principium generationis fili. […]

Quelle: Albertus Magnus: Kommentar zu Pseudo-Dionysios, Über die göttlichen Namen /Super Dionysium, De divinis nominibus cap. 4 (Coloniensis 28, 1, p. 280, 55-67 und 281, 27-34 Simon).
Edition: Alberti Magni Super Dionysium de divinis nominibus primum edidit P. Simon (Alberti Magni opera omnia […] curavit Institutum Alberti Magni Coloniense 37, 1), Münster 1972.

Auslegung:

Dieser Text ist deswegen interessant, weil hier das später durch Spinoza bedeutende Begriffspaar „natura naturans/natura naturata“ (in etwa = „naturierende/naturierte Natur“) bereits in einem mittelalterlichen Text bezeugt ist. Bemerkenswert ist nicht nur das frühe Auftreten der berühmten spinozischen Unterscheidung (Scholium zu Propositio 29 von Buch 1 der spinozischen Ethik), sondern auch deren Verbindung mit Gott einerseits und mit Bewegung und Ruhe andererseits, die auch bei Spinoza im gleichen Kontext genannt werden (Scholium zu Propositio 32 desselben Buches). Letztere ist eine aristotelische Annahme, wie Albert an anderer Stelle genauer ausführt (Zitate 99 und 100). Leider sind Alberts Quellen hier nicht leicht zu ermitteln. Möglicherweise liegt ein Bezug auf Johannes Scotus Eriugena (9. Jhdt.) vor, der selbst freilich keineswegs Gott ohne weiteres mit der Natur identifiziert und allenfalls von natura creans/creata spricht. In jedem Fall liegt die Frage nahe, ob Spinoza bei der Abfassung der Ethik einen ähnlichen Text wie den vorliegenden im Sinn oder gar zur Hand hatte.
Der Text ist aber im Kern eine Interpretation gewisser Aussagen des Pseudo-Dionysios Areopagites, der im Grundsatz eine neuplatonisch strukturierte christliche Deutung der Wirklichkeit vertritt (vgl. Zitat Nummer 859). Von diesem Text übernimmt Albert seine Unterscheidung der universalen Natur, die er als „göttliche Kunst“, also als einen Wirkraum Gottes, interpretiert, und der Einzelnatur der Dinge, die für Albert durch Aristoteles beschrieben wurde. Insofern illustriert das Zitat schön, wie sich aus neuplatonischen Denkformen das Konzept der Natur als universaler Wirkkraft entwickelt.

Themen:

  • Natur
  • Pseudo-Dionysios
  • Natur (der Dinge)
  • Neuplatonismus
  • natura naturans/naturata
  • Spinoza

Hieraus scheint entnommen werden zu können, dass "die universale Natur", aus der alle "natürlichen Gehalte" stammen, wie im Text [des Pseudo-Dionyios] gesagt wird, eine göttliche Kunst sei und die gesamte Natur die Gesamtheit der Kreaturen, und dass die Einzelnatur die Natur eines jeden [Einzeldings] ist.
[1] Aber das scheint falsch zu sein. Denn wozu die Definition der Natur nicht passt, das kann nicht Natur genannt werden. Aber die Definition der Natur, die vom Philosophen [Aristoteles] angegeben wird, nämlich dass sie "das Prinzip der Bewegung und Ruhe in dem ist, in dem sie an sich ist und nicht akzidentell", passt nicht zur göttlichen Kunst, die keiner Sache innewohnend ist und nicht an sich ein Prinzip der Bewegung und der Ruhe. Also kann sie nicht Natur genannt werden [...]
Lösung: [...] Averroes nennt die göttliche Kunst universale Natur anscheinend [...] gemäß der Meinung derer, die eine zweifache Natur unterscheiden, nämlich eine "wirkende Natur" (natura naturans) und eine "bewirkte Natur" (natura naturata), wobei sie die wirkende Natur Gott nennen. Dass Gott die Natur genannt wird, wird aber wird weder bei einem Philosophen noch bei einem Heiligen gefunden. [...]


Übersetzer: Matthias Perkams