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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Albertus Magnus: Summa theologiae I, qu. 3, cap. 1 (p. 10b-11a Siedler)

Original:

Albertus Magnus diskutiert das Verhältnis von Theologie und philosophischer Metaphysik in Bezug auf Gott
Principaliter [...] deus dicitur subiectum primae philosophiae, quia in principali parte eius de deo intenditur et de substantiis divinis, quae separatae sunt. [...] Secundo modo assignatur subiectum in scientiis, de quo et de cuius partibus probantur passiones, sicut ens subiectum dicitur esse primae philosophiae, ut unum et multa et potentia et actus et ens necesse et possibile probantur de ente. [...] Principaliter [...] deus est subiectum theologiae, et ab ipso denominatur. Si vero dicitur subiectum secundo modo [...], christus et ecclesia est subiectum.

Quelle: Albertus Magnus: Summa theologiae /Summa theologiae I, qu. 3, cap. 1 (p. 10b-11a Siedler).
Edition: Alberti Magni Summa theologiae sive de mirabili scientia dei. Libri I – Pars 1. Quaestiones 1-50A. Curavit Institutum Alberti Magnis Coloniense (Editio Coloniensis 34, 1), Münster 1978.

Auslegung:

In diesem Text nimmt Albertus Magnus Stellung zum Verhältnis der Theologie zur Philosophie bzw. zur philosophischen Metaphysik. Albert nutzt dazu verschiedene Aussagen, was „Gegenstand“ einer Wissenschaft ist: In einer Hinsicht ist Gott der Gegenstand der „Ersten Philosophie“, d.h. der Metaphysik im aristotelischen Sinne, weil diese sich zum großen Teil mit Gott und den Ursachen des Seins beschäftigt. In anderer Hinsicht ist Gott nicht der Gegenstand der „Ersten Philosophie“, sondern der Theologie, nämlich dann, wenn man fragt, was der eigentliche Gegenstand jeder Disziplin ist. In dieser Perspektive folgt Albert Avicenna (Zitat Nummer 453) und sieht den Gegenstand der Metaphysik eigentlich als das Seiende und dessen Eigenschaften an. In diesem Sinne ist Gott nicht Gegenstand der Metaphysik bzw. Ersten Philosophie, sondern der Theologie. Im Ergebnis werden also zwei unterschiedliche Wissenschaften von Gott anerkannt. Die Unterscheidung liegt für Albert nicht im Ziel Gott, sondern in dem Kontext, von dem aus es angegangen wird:
Der Text gehört in den Hintergrund einer schärferen Unterscheidung der Disziplinen Philosophie und Theologie im lateinischen Mittelalter, die besonders wichtig wurde, weil sie an den Universitäten eine eigene theologische Fakultät neben der „philosophischen“ Artisten-Fakultät bedeutet. Albert scheint die Diskussion hier aber vor aristotelischem Hintergrund (Zitat Nummer 692) zu führen und meint mit Theologie möglicherweise eine philosophisch-rationale Theologie und nicht die christliche Theologie als Offenbarungsreflexion, die sich zu seiner Zeit herausbildete.

Themen:

  • Gott und die Welt
  • Wissenschaft(stheorie)
  • Akt und Potenz
  • Avicenna
  • Gott
  • Metaphysik
  • Möglichkeit/Notwendigkeit
  • Theologie

Hauptsächlich [...] wird Gott der Gegenstand der Ersten Philosophie genannt, weil es in ihrem Hauptteil um Gott geht und um die göttlichen Substanzen, die abgetrennt sind. [...] Auf eine zweite Weise wird unter den Wissenschaften dasjenige Gegenstand genannt, über welches und über dessen Teile Eigenschaften bewiesen werden. So wird das Seiende das Subjekt der Ersten Philosophie genannt, da ja eines und vieles, Möglichkeit und Wirklichkeit sowie notwendig seiend und möglich seiend vom Seienden bewiesen werden. [...] Hauptsächlich [...] ist Gott der Gegenstand der Theologie, und von ihm her wird sie benannt. Wenn aber ,Gegenstandʻ auf die zweite Weise verstanden wird [...], dann sind Christus und die Kirche der Gegenstand.


Übersetzer: Matthias Perkams