Original:
Peter Abaelard über die Kernpunkte des Universalienstreits
Tum ego ad eum reversus [...] inter cetera disputationum nostrarum conamina antiquam eius de universalibus sententiam patentissimis argumentorum rationibus ipsum commutare, immo destruere compuli. Erat autem in ea sententia de communitate universalium, ut eandem essentialiter rem totam simul singulis suis inesse astrueret individuis, quorum quidem nulla esset in essentia diversitas, sed sola multitudine accidentium varietas. Sic autem istam tunc suam correxit sententiam, ut deinceps rem eandem non essentialiter, sed indifferenter diceret. Et quoniam de universalibus in hoc ipso praecipua semper est apud dialecticos quaestio [...], cum hanc ille correxerit [...] sententiam, in tantam lectio eius devoluta est negligentiam, ut iam ad cetera dialecticae vix admitteretur.
Quelle:
Peter Abaelard:
Leidensgeschichte
/
Historia calamitatum
(
hist. cal.)
(p. 65f. Monfrin).
Edition: Abélard, ›Historia calamitatum‹. Texte critique avec une introduction publié par J. Monfrin, Paris 1978.
Auslegung:
Dieser Auszug aus Abaelards Autobiographie
Geschichte meiner Leiden (
Historia calamitatum mearum; vgl. Zitat Nummer 46) ist einer der bedeutendsten Texte über den so genannten „Universalienstreit“. Damit ist die Frage gemeint, was Worte eigentlich bezeichnen und welches Verhältnis das Bezeichnete zur Wirklichkeit hat. Besonders problematisch ist das für Allgemeinbegriffe, so genannte „Universalien“: Während es unstrittig ist, was ein einzelner Mensch ist, ist es weniger klar, was das Wort „der Mensch“ im allgemeinen Sinne bezeichnet, z.B. in dem Satz „der Mensch ist sterblich“.
1) Damit könnte gemeint sein, dass alle einzelnen Menschen sterblich sind. Dann bezöge sich der Satz gar nicht auf „Universalien“, sondern nur auf Einzeldinge („Nominalismus“).
2) Mit „der Mensch“ könnte auch die universale Menschennatur gemeint sein, die allen Menschen innewohnt und Sterblichkeit beinhaltet. Dann würde er ein Universale bezeichnen, das den Gegenständen selbst innewohnt.
3) Schließlich könnte der Mensch platonisch betrachtet die Idee „Mensch“ bezeichnen. Die Sterblichkeit der Einzelmenschen läge dann darin, dass sie an dieser Idee Anteil haben.
Alle diese Positionen und viele weitere Möglichkeiten werden bis heute diskutiert. Abaelards Lehrer Wilhelm von Champeaux vertrat die These 2) und versuchte diese These angemessener zu formulieren, als Abaelard sie kritisierte. Abaelards eigene Position, die das Grenzgebiet zwischen These 1) und These 2) auslotet, erfahren wir in diesem Text nicht.
Der Text ist von großer Bedeutung für das moderne Verständnis der mittelalterlichen Philosophie gewesen. Da Abaelard am Ende suggeriert, unter den Logikern sei das Universalienproblem die wichtigste Fragestellung, hat man lange angenommen, das Universalienproblem sei die wichtigste Frage der mittelalterlichen Philosophie gewesen. Tatsächlich werden aber im Mittelalter auch viele andere Probleme diskutiert, und das Universalienproblem hat zu allen Epochen der Philosophiegeschichte eine Rolle gespielt.
Themen:
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Universalienstreit
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