Original:
Albertus Magnus erläutert die Rolle einer rein philosophischen Glücksvorstellung innerhalb des Christentums
[1] Contemplatio theologica in aliquo convenit cum philosophica et in aliquo differt; unde non sunt omnino idem.
[2] Convenit enim in hoc quod etiam in theologica est inspectio per intellectum aliquorum spiritualium sine impedimento passionum ex parte subiecti et dubietatis es parte fidei et dubietatis ex parte fidei ordinata ad quiescendum in deo, quod est summa felicitas.
[3] Differt autem et in habitu et in fine et in obiecto. In habitu quidem, quia theologica contemplatur per lumen infusum a deo, sed philosophus per habitum sapientiae acquisitum; in fine, quia theologica ponit ultimum finem in contemplatione dei in patria, sed philosophus in visione, qua videtur aliquatenus in via; in obiecto etiam [...] quantum ad modum, quia philosophus contemplatur deum, secundum quod habet ipsum ut quandam conclusionem demonstrativam, sed theologus contemplatur ipsum ut supra rationem et intellectum existentem.
Quelle:
Albertus Magnus:
Über die Nikomachische Ethik
/
Super Ethica
X 16, quaestio 6 (Coloniensis 14, 2, 774, 51-775, 12).
Edition: Alberti Magni Super Ethica. Commentum et Quaestiones. Primum edidit Wilhelm Kübel (Editio Coloniensis 14, 1-2), Münster 1968-1972.
Auslegung:
Die Bedeutung dieses Textes liegt darin, dass Albertus Magnus hier mitten im christlich geprägten Mittelalter die Bedeutung einer philosophischen, nicht spezifisch christlichen Glücksvorstellung mit Zustimmung erörtert. Dabei geht er davon aus, dass die philosophische Glücksvorstellung, wie er sie aus dem Werk des Averroes kennt (Zitat Nummer 768), ebenfalls eine Schau Gottes ist, so wie sie auch die Christen als Vollendung des menschlichen Lebens ansehen, Sie unterscheidet sich aber darin, dass die philosophische Gottesschau 1) in diesem Leben stattfindet und unvollkommen ist; 2) sich aus einer rationalen Schlussfolgerung und nicht aus göttlicher Gnade gibt; und folglich 3) kein von Gott eingegebenes Licht, sondern ein menschlicher Habitus ist. Dies läuft letztlich auf eine christliche Einordnung der Aussagen des Aristoteles zum theoretischen Glück im Zehnten Buch der
Nikomachischen Ethik hinaus (Zitat Nummer 442).
Albert trifft diese Feststellungen bei seiner Interpretation des Zehnten Buches der gerade erst in Westeuropa bekannt gewordenen
Nikomachischen Ethik um 1250. Das von ihm skizzierte Ideal einer philosophischen Glückseligkeit übt in der Folgezeit großen Einfluss aus und wird von „Averroisten“ wie Alberich von Reims (Zitat Nummer 770) und Boethius von Dakien (Zitat Nummer 50) weiter ausgearbeitet. Thomas von Aquin betont hingegen, dass jede Form innerweltlichen Glücks unvollkommen ist. Trotz derartiger Kritiken bereitet Albert, indem er auf die genannte Weise an arabische Vorstellungen philosophischen Glücks anschließt, den Weg für nicht-religiöse Glücksvorstellungen, wie sie in der Neuzeit weit verbreitet sind.
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