Original:
Peter Abaelard über die Frage, warum man eigentlich nicht über Gott sprechen kann
Quod etiam omnis hominum locutio ad creaturarum status maxime accommodata sit, ex ea praecipue parte orationis apparet sine qua nulla dicitur constare orationis perfectio, ex ea scilicet quae ,verbum‘ appellatur. Haec quippe dictio temporis est designativa quod incepit a mundo. Unde si huius partis significationem attendamus, oportet per eam cuiusque constructionis sensum infra ambitum temporis coerceri [...]. Unde et cum dicimus deum priorem esse mundo sive exstitisse ante tempora, quis sensus in his verbis verus esse potest [...]? Oportet itaque, cum ad singularem divinitatis naturam quascumque dictiones transferimus, eas inde quandam singularem significationem seu etiam constructionem contrahere atque per hoc quod omnia excedit necessario propriam institutionem excedere.
Quelle:
Peter Abaelard:
Theologia ,Scholarium‘
/
Theologia ,Scholarium‘
(
Tsch.)
II, 84f.
Edition: Petri Abaelardi Opera theologica 3. Theologia ,Summi Boni‘. Theologia ,Scholarium‘. Cura et studio E. M. Buytaert et C. J. Mews (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis 13), Turnhout 1987.
Auslegung:
Peter Abaelard behandelt hier das traditionelle Thema, ob und in welcher Weise es möglich ist, mit menschlicher Sprache Aussagen über Gott zu treffen. Sein Grundgedanke ist dabei, dass dies deswegen unmöglich ist, weil ein Verb ein „Zeitwort“ darstellt, das eine Abfolge von Ereignissen ausdrückt. Insofern kann ein Satz, der ein Verb enthält, nur auf Ereignisse der physisch wahrnehmbaren Welt voll zutreffen, nicht aber auf Gott, der ja ewig und überzeitlich ist. Den gleichen Gedanken erläutert Abaelard im Folgenden auch am aristotelischen Begriff der „Substanz“. Dieser sei deswegen ungeeignet zur Bezeichnung Gottes, weil eine Substanz, wie Aristoteles sie versteht, Akzidenzien, also nicht wesentliche Merkmale aufweisen könnte. Auch das sei für Gott unmöglich. Derartige Kritiken, die z.B. bereits von Augustinus erörtert wurden, zeigen, dass Abaelard die Rede von Gott aus der Perspektive der aristotelischen Logik erläutert, der seine Beispiele entnommen sind.
Damit zeigt sich bereits recht früh der Einfluss des aristotelischen Wissenschaftsverständnisses auf Abaelard und auf die Scholastik insgesamt. Auffällig ist auch, dass die Probleme sprachphilosophisch analysiert werden, ohne dass Abaelard das Ziel hat, eine Hinführung zur negativen Theologie zu geben, die ihn nur bedingt interessiert.
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