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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Anselm von Canterbury: Warum Gott Mensch geworden ist I 4

Original:

Anselm von Canterbury über die Aufgabe, notwendige Argumente für den Glauben zu finden
Si non est aliquid solidum [...] non videntur infidelibus sufficere, cur deum ea quae dicimus pati voluisse credere debeamus. [...] Monstranda ergo est [...] veritatis soliditas rationabilis, id est necessitas quae probet deum ad ea quae praedicamus debuisse aut potuisse humiliari.

Quelle: Anselm von Canterbury: Warum Gott Mensch geworden ist /Cur Deus homo? I 4.
Edition: S. Anselmi Cantuariensis archiepiscopi Opera omnia. Ad fidem codicum recensuit Franciscus Salesius Schmitt, vol. 1-6, Seckau u.a. 1938-1961.

Auslegung:

In diesem Text fordert Anselm von Canterbury die Ausarbeitung notwendiger Argumente für ein Kerndogma des christlichen Glaubens, nämlich die Menschwerdung Gottes in der Person Jesu Christi. Mit der Forderung nach notwendigen Argumenten (rationes necessariae) stellt Anselm einen hohen Anspruch an die christliche Argumentationskunst. Dieser ist wohl vorwiegend durch den Wunsch motiviert, den christlichen Glauben gegen Einwände von Nichtchristen verteidigen zu können. Im Hintergrund zeigt sich Anselms großes Vertrauen in die der Vernunft inhärente Notwendigkeit: Wenn ein Argument schlüssig ist, müssen seiner Meinung nach auch Nichtchristen das Anerkennen. Die Suche nach notwendigen Argumenten für die Menschwerdung geht deutlich über das Bemühen um notwendige Argumente für die Existenz Gottes hinaus (ontologischer Gottesbeweis; Zitat Nummer 81), das in vielerlei Hinsicht den Rationalitätsstandards der Zeit entspricht (vgl. Zitat Nummer 686). Dagegen würden auch viele christliche Autoren des Mittelalters die Menschwerdung eher als etwas „Übernatürliches“ ansehen, das nicht mit der Vernunft allein erkannt werden kann. Anselms Ziel ist es demgegenüber, die innere Logik des göttlichen Erlösungshandelns darzustellen, das in der Menschwerdung und im Leiden Christ vollendet wird.

Themen:

  • Glaube
  • Gott und die Welt
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Argument/Argumente
  • Notwendigkeit (von Schlüssen)
  • Scholastik
  • Wahrheit

Wenn es nichts Festes gibt, scheint dies den Ungläubigen nicht als Erklärung zu dafür genügen, warum wir glauben müssen, Gott habe das, was wir sagen, erleiden wollen. [...] Also ist die vernünftige Festigkeit der Wahrheit zu zeigen, d.h. die Notwendigkeit, die beweist, dass Gott sich zu dem, was wir predigen, erniedrigen musste oder konnte.


Übersetzer: Matthias Perkams