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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Theologia ,Scholarium‘ III 117

Original:

Peter Abaelard fragt sich nach der Rationalität menschlicher Trauer und menschlichen Leides
Constat [...] ita optime ab ipso fieri vel disponi omnia, quo melius non possunt, et tamen multa frequenter eveniunt supra quibus graviter dolemus, tamquam divinae voluntati nostra voluntate contrarii. [...] Est et filius senilem patrem tanta dilectione amplectens, ut, cum eum naturali morte dissolvi conspiciat, et hoc in ipsa dispositione naturae fixum esse non dubitet, ut moriatur, eius tamen praesentiam amittere totis visceribus dolet. Quod quamvis pie geratur, constat tamen omnibus irrationabiliter hoc geri quod et morienti non proficit et lugentem inaniter affligit.

Quelle: Peter Abaelard: Theologia ,Scholarium‘ /Theologia ,Scholarium‘ (Tsch.) III 117.
Edition: Petri Abaelardi Opera theologica 3. Theologia ,Summi Boni‘. Theologia ,Scholarium‘. Cura et studio E. M. Buytaert et C. J. Mews (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis 13), Turnhout 1987.

Auslegung:

Dieser Text ist eine interessante Auseinandersetzung mit den Folgen der auch von Abaelard geteilten Annahme, dass die von Gott geschaffene Welt bestmöglich geordnet ist (vgl. Zitat Nummer 108 und 792). Abaelard beobachtet ganz richtig, dass diese These viele Handlungen eigentlich überflüssig macht, die Menschen üblicherweise tun: Wenn Gott alles gut gemacht hat, dann müssen auch Phänomene wie Krankheit und Tod in sich gut sein. Ist es also angemessen, dass wir auf solche Phänomene mit Trauer reagieren? Abaelard lässt die Frage letzten Endes offen, zeigt aber durch seine Formulierungen, dass er Respekt vor menschlichen Handlungsweisen wie dem Trauern hat. Anders als die Stoiker (vgl. Zitat Nummer 702) teilt er damit nicht das Ideal einer emotionalen Unberührtheit (Apathie), ohne ein theoretisches Gegenkonzept entwickelt zu haben. Dieses Eingeständnis eines Problems der eigenen Theorie ist ein schönes Zeugnis für die philosophische Ernsthaftigkeit Abaelards. An anderer Stelle entwickelt er allerdings eine abgeschlossenere Variante seiner Theorie (vgl. Zitat Nummer 794).

Themen:

  • Gott und die Welt
  • Trauer
  • Ordnung
  • Plan Gottes
  • Tod
  • Vernunft
  • Wille Gottes
  • Liebe

Denn es steht ja ganz klar fest [...], dass alles so bestmöglich durch ihn geschieht oder angeordnet wird, wie es besser nicht geschehen kann, und doch ereignet sich häufig vieles, worüber wir sehr traurig sind, wie wenn wir durch unseren Willen Gottes Willen entgegenstehen. [...] Da gibt es auch einen Sohn, der den greisen Vater mit solcher Liebe umarmt, dass er es doch, obwohl er sieht, dass er durch einen natürlichen Tod aufgelöst wird und er nicht bezweifelt, dass es in der Anordnung der Natur feststeht, dass er stirbt, in seinem ganzen Inneren betrauert, seine Anwesenheit zu verlieren. Obwohl das ehrfürchtig getan wird, steht doch bei allen fest, dass es unvernünftig getan wird, da es sowohl dem Sterbenden nicht nützt als auch den Trauernden umsonst belastet.


Übersetzer: Matthias Perkams