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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Sentenzen 26 (p. 100 Luscombe)

Original:

Abaelard über die Autonomie des Menschen gegenüber der göttlichen Weltrodnung
Sine culpa duobus modis nitimur: Cum enim quandoque videamus aliqua evenire quae nobis inconvenienter fieri videntur, non putamus illa a deo disponi et ideo contra vadimus et ne eveniant desideramus. Hoc enim ignorantia excusat. Ex affectu quoque caritatis vel aliquo naturali affectu hoc idem facimus, ut cum videt quis patrem suum mori, scit sic esse in dispositione dei et tamen vult ut non moriatur et dolet quia moritur. In quo notandum, quod quandoque bona voluntas hominis a voluntate dei discordat, quandoque mala cum ea concordat. [...] Huiusmodi ergo fletus et dolores [...] irrationabiles sunt quia in errore consistunt. Quicumque enim quod perficere nequeant, illud aggrediuntur, errant. Sunt tamen absque culpa quia ex caritatis vel alicuius naturalis affectu dilectionis procedit.

Quelle: Peter Abaelard: Sentenzen /Sententiae magistri Petri Abaelardi 26 (p. 100 Luscombe).
Edition: Sententiae magistri Petri Abaelardi, cura et studio D. E. Luscombe (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis 14), Turnhout 2006.

Auslegung:

Ähnlich wie in Zitat Nummer 793 diskutiert Abaelard hier die Bedeutung menschlicher Emotionen wie Liebe und Trauer vor dem Hintergrund seiner Überzeugung, dass die Welt von Gott rational bestmöglich geordnet ist (vgl. Zitat Nummer 108). Allerdings argumentiert unser Text, der wohl auf eine Vorlesung Abaelards zurückgeht, wesentlich thetischer und hält fest, dass es Gründe gibt, aus denen Menschen berechtigterweise von der Anerkennung der Güte der göttlichen Weltordnung abweichen können: Das kann zum einen aus Unwissenheit erfolgen, da wir die Gründe der göttlichen Weltordnung nicht kennen; das dürfte insbesondere dann gelten, wenn es sich um eine „unüberwindliche“ Unwissenheit im Einzelfall handelt (vgl. Thomas von Aquin in Zitat Nummer 368; Abaelard äußert sich zu der Thematik nicht differenziert). Zum anderen kann unsere Trauer oder eine verwandte Reaktion durch Liebe zu anderen Menschen gerechtfertigt und insofern ohne Schuld sein. Dies liegt daran, dass eine solche Liebe zu nahestehenden Menschen eine grundsätzlich gute Emotion des Menschen ist, selbst wenn sie nicht rational gerechtfertigt ist. Betrachtet man das Gesamtbild von Abaelards Ethik, wird man allerdings davon ausgehen dürfen, dass er die hier genannten Fälle nur in eingeschränktem Maße billigt: Sie entsprechen vermutlich Fällen, wo jemand seinem Gewissen nicht zuwiderhandelt, obwohl das Gewissensurteil noch nicht in vollem Maße gut ist (vgl. Zitat Nummer 371).

Themen:

  • Gott und die Welt
  • Trauer
  • Gesetz und Gewissen
  • Autonomie (des menschlichen Urteils)
  • Liebe
  • Ordnung
  • Plan Gottes
  • Schuld
  • Tod
  • Unwissenheit/Unkenntnis
  • Vernunft
  • Wille (schlechter/böser)
  • Wille Gottes

Ohne Schuld bemühen wir uns auf zwei Arten [gegen Gottes Anordnung]: Wenn wir nämlich manchmal sehen, dass Dinge geschehen, die uns unangemessen zu geschehen scheinen, glauben wir nicht, dass sie von Gott angeordnet wurden, gehen in die entgegengesetzte Richtung und wünschen, dass sie nicht geschähen. Das entschuldigt die Unwissenheit. Auch aus der Neigung wahrer Liebe oder irgendeiner natürlichen Neigung tun wir das Gleiche. Auch aus einem Affekt wahrer Liebe oder irgendeinem natürlichen Affekt tun wir genau dasselbe. Zum Beispiel weiß jemand, wenn er sieht, dass sein Vater stirbt, dass dies in Gottes Anordnung liegt, und will doch, dass er nicht stirbt, und trauert, weil er stirbt. Hieran ist zu beachten, dass bald der gute Wille des Menschen vom Willen Gottes abweicht, bald der schlechte mit ihm übereinstimmt. [...] Also sind Weinen und Schmerzen dieser Art [...] unvernünftig, weil sie in einem Irrtum bestehen. Denn alle, die in Angriff nehmen, was sie nicht ausführen können, irren. Trotzdem sind sie ohne Schuld aus einem Affekt der wahren oder irgendeiner Liebe erfolgt.


Übersetzer: Matthias Perkams