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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Theologia ,Scholarium‘ III 15

Original:

Peter Abaelard wendet sich mit wahrscheinlichen Argumenten an seine Zuhörer
Haec quidem ad astruendam divinae singularitatem excellentiae pro rationibus induci satis esse arbitror. Quibus et facile assentire quemque bonum existimo qui, nulli invidus, omnium rerum commendationi plurimum congaudet. Magis autem honestis quam necessariis rationibus nitimur, quoniam apud bonos id semper praecipuum statuitur quod ex honestate amplius commendatur, et ea semper potior est ratio quae ad honestatem amplius quam ad necessitatem vergit, praesertim cum quae honesta sunt per se placeant atque nos statim ad se sua vi quadam alliciant.

Quelle: Peter Abaelard: Theologia ,Scholarium‘ /Theologia ,Scholarium‘ (Tsch.) III 15.
Edition: Petri Abaelardi Opera theologica 3. Theologia ,Summi Boni‘. Theologia ,Scholarium‘. Cura et studio E. M. Buytaert et C. J. Mews (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis 13), Turnhout 1987.

Auslegung:

In diesem Zitat formuliert Abaelard seine eigene Vorstellung eines angemessenen Sprechens von Gott: Der Kerngedanke des Textes ist, dass man über Gott, bzw. hier über die Einzigkeit Gottes, am besten mit wahrscheinlichen, nicht mit notwendigen Argumenten sprechen sollte. Der Grund dafür liegt im Erreichen des Adressaten: Nicht nur lassen sich Menschen guten Willens besonders gut von wahrscheinlichen Argumenten überzeugen, insbesondere wenn diese sich als vorteilhaft in ethischer Perspektive zeigen. Sondern diese Art des Überzeugt-Werdens scheint auch der freien, durch etwas in sich selbst Gutes vermittelten menschlichen Zustimmung besonders angemessen zu sein.
Derartige Überlegungen zeigen eine recht deutliche Opposition gegen die Idee seines älteren Zeitgenossen Anselm von Canterbury, mit notwendigen Argumenten von christlichen Inhalten zu überzeugen (vgl. Zitat Nummer 79). Man kann durchaus vermuten, dass Abaelard für diese kritische Haltung auch wissenschaftstheoretische Gründe hat, da er die Möglichkeiten menschlicher Sprache in Bezug auf Gott sehr skeptisch einschätzt (vgl. Zitat Nummer 77). Wichtiger scheint aber für ihn der Gedanke eines freiwilligen Überzeugens zu sein, das jenseits von allem Zwang bei der grundsätzlichen Gutheit der meisten Menschen ansetzt.

Themen:

  • Gott und die Welt
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Argument/Argumente
  • Gott (Rede von)
  • Notwendigkeit (von Schlüssen)
  • Scholastik
  • Plausibilität

Damit sind, denke ich, genug Gründe angeführt, um die ausgezeichnete Einzigkeit der Gottheit darzulegen. Ich meine, ihnen wird auch leicht jeder Gute zustimmen, der ohne Neid auf jemand die größte Freude an der Empfehlung aller Dinge hat. Wir stützen uns aber eher auf moralisch einleuchtende als auf notwendige Gründe, weil bei den Guten immer das vorzüglich festgehalten wird, das mehr aus moralischem Einleuchten empfohlen wird, und der Vernunftgrund immer stärker ist, der eher zur moralischen Einsicht als zur Notwendigkeit neigt, zumal das, was moralisch einleuchtend ist, durch sich selbst gefällt und uns sofort mit einer bestimmten, ihm eigenen Kraft zu sich hinzieht.


Übersetzer: Matthias Perkams