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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Anselm von Canterbury: Proslogion II

Original:

Anselm von Canterbury formuliert seinen „ontologischen Gottesbeweis“
[1] ,Dixit insipiens in corde suo: Non est deus‘ [...]
[2] Convincitur [...] etiam insipiens esse vel in intellectu aliquid quo nihil maius cogitari potest, quia hoc cum audit intelligit, et quicquid intelligitur in intellectu est.
[3] Et certe id quo maius cogitari nequit, non potest esse in solo intellectu. Si enim vel in solo intellectu est, potest cogitari esse et in re, quod maius est. [...] Sed certe hoc esse non potest. Existit ergo procul dubio aliquid quo maius cogitari non valet, et in intellectu et in re.

Quelle: Anselm von Canterbury: Proslogion /Proslogion (pros.) II.
Edition: S. Anselmi Cantuariensis archiepiscopi Opera omnia. Ad fidem codicum recensuit Franciscus Salesius Schmitt, vol. 1-6, Seckau u.a. 1938-1961.

Auslegung:

Dieses Zitat enthält den ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, den vermutlich berühmtesten Gottesbeweis überhaupt. Das Argument nimmt in Anselms Darstellung seinen Ausgang von einem Bibelzitat [1], dem zufolge ein Tor bzw. Narr sagt „Es gibt Gott nicht“. Diese fiktive Person – in der sich Leserin und Leser wiederfinden dürfen – nimmt Anselm im Folgenden zum Gesprächspartner für die Entfaltung seines Arguments. In [2] folgt dann der erste Schritt des Arguments: Auch eine solche atheistische Person versteht den Ausdruck „etwas, im Vergleich zu dem nichts Größeres gedacht werden kann“ (id quo nihil maius cogitari potest). Da dieser Ausdruck also verstanden wird, wird er, gleichsam automatisch, als denkmöglich akzeptiert: Ein solcher Ausdruck weist offenbar keine inneren Widersprüche auf, und somit wird er gleichsam zwangsläufig akzeptiert. Diese Akzeptanz des Ausdrucks führt dann in [3] zum zweiten Schritt des Arguments: Wenn dieser Ausdruck verstanden wird, dann stellt sich – im Denken – die Frage nach der dahinter stehenden Wirklichkeit. Dabei erweist es sich als selbstwidersprüchlich, einerseits den Ausdruck „etwas, im Vergleich zu dem nichts Größeres gedacht werden kann“ zu verstehen, und andererseits anzunehmen, das damit Gemeinte könnte nicht seiend sein. Denn sonst müsse man ja auch noch etwas Größeres denken, das dann seiend wäre – und das wäre bei dem, im Vergleich man nichts Größeres denken kann, selbstwidersprüchlich. Daher kann Anselm davon ausgehen, dass auch sein Gesprächspartner nun versteht, dass er als rationales Wesen gar nicht umhin kann, die Existenz Gottes zuzugestehen.
Das Argument hat also einen strikt apriorisch-deduktiven Charakter, der grundsätzlich auf zwei Säulen ruht: Zum einen auf der Einzigartigkeit dessen, was mit dem Ausdruck „das, im Vergleich zu dem nichts Größeres gedacht werden kann“ gemeint ist; zum anderen auf der direkten Ansprache des Gegenübers, der stets aufgefordert ist, jeden Schritt mitzuvollziehen. Insofern hat das Argument in der von Anselm angegebenen Form dialektischen Charakter.
Diese Charakteristika des Arguments machen eine Kritik nicht einfach. Das zeigt sich bereits an dem Einwand von Anselms Mitbruder Gaunilo, den er gleich im Anschluss zitiert: Wenn ich mir eine ganz vollkommene Insel vorstelle sagt Gaunilo, dann muss es die doch auch nicht geben. Hierzu weist Anselm darauf hin, dass in seinem Argument nicht von irgendeinem Gegenstand der sinnlich wahrnehmbaren Welt die Rede ist, und auch nicht von einem idealisierten derartigen Gegenstand, sondern vom höchsten Objekt des Denkens, das in seinem ganz spezifischen Begriff gefasst wird. Bei der Analyse dieses Begriffs zeigt sich, dass man die Möglichkeit des Existierens oder Nicht-Existierens in Bezug auf das damit Gemeinte gar nicht verstehen kann. Aufgrund dieser Einzigartigkeit, die Anselm für seinen Begriff in Anschlag bringt, greifen auch berühmte Kritiken zunächst einmal zu kurz. Wenn z.B. Kant festhält, dass Existenzurteile synthetische Urteile sind, die es apriori in dieser Form nicht geben kann, könnte Anselm erwidern, dass er ja gerade einen einzigartigen Fall als Ausnahme von derartigen Überlegungen erwiesen hat. Ähnliches könnte er auch zu Freges Aussage sagen, dass Existenz ein Quantor und kein Prädikat ist. Diese Aussage trifft jedenfalls Anselms Argument erst einmal nicht, da es ja in einem grundlegend neuplatonischen Umfeld erfolgt, in der Existenz eher eine Eigenschaft des Seins ist, die in mehr oder weniger großer Intensität gegeben sein kann, so wie für den Platoniker auch die Ideen immer wahrhaft Sein haben. Derartige Überlegungen bedeuten nicht, dass Anselms Argument tatsächlich gültig wäre. Es kann aber festgehalten werden, dass das Argument Grundprobleme der Philosophie berührt, indem es, ebenso wie Parmenides (Zitate Nummer 533 und 534), auf die Annahme einer grundsätzliche Übereinstimmung von Denken und Sein verweist, die sich gerade in einer möglichst reinen Form des Denkens nahezulegen scheint. Inwieweit das, was man durch eine solche Operation zu erkennen meint, tatsächlich mit einem christlichen Gottesbegriff ineins fällt, ist freilich eine andere Frage: Denn für Parmenides zeigt sich ja im Sein das Denken selbst, und vielleicht gehen die Implikationen von Anselms Argument am Ende in diese Richtung.

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[1] "Der Tor sprach in seinem Herzen: Es gibt Gott nicht" (Psalm 13, 1). [...]
[2] Auch der Tor ist davon überzeugt, dass es im Denken etwas gibt, im Vergleich zu dem nichts Größeres erdacht werden kann. Denn, wenn er dies hört, denkt er es, und was er denkt, ist im Denken.
[3] Nun kann das, im Vergleich zu dem nichts Größeres erdacht werden kann, nicht nur im Denken existieren. Denn wenn es nur im Denken ist, dann kann erdacht werden, es sei zusätzlich in der Wirklichkeit, was größer ist. [...] Aber das kann gewiss nicht sein. Also existiert ohne Zweifel etwas, im Vergleich zu dem nichts Größeres gedacht werden kann, sowohl im Denken als auch in der Wirklichkeit.


Übersetzer: Matthias Perkams