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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Theologia ,Scholarium‘ III 8

Original:

Peter Abaelards wahrscheinliches Argument für Gottes Existenz
Quod a seipso est, natura dignius esse constat quam quod ab alio est. Et omne quod rationis atque intelligentiae capax est, universis aliis excellentius esse non ambigitur. [...] Hominem autem, quamvis rationalis sit, nequaquam suo regimini sufficere constat, cum seipsum, quomodo vult, in huius vitae pelago regere non valeat. Multo igitur minus proprio regimini committi convenit quae, qua se regere possint, ratione carere certum est. Id vero est mundus [...]. Et his quidem vel consimilibus rationibus omnia quae in mundo sunt conditorem seu rectorem habere manifestum arbitror. Quem nos deum dicimus.

Quelle: Peter Abaelard: Theologia ,Scholarium‘ /Theologia ,Scholarium‘ (Tsch.) III 8.
Edition: Petri Abaelardi Opera theologica 3. Theologia ,Summi Boni‘. Theologia ,Scholarium‘. Cura et studio E. M. Buytaert et C. J. Mews (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis 13), Turnhout 1987.

Auslegung:

Dieser Gottesbeweis ist ein Beispiel dafür, was Abaelard unter einem wahrscheinlichen und auf ethischer Basis einleuchtenden Argument versteht (vgl. Zitat Nummer 80). Was er zitiert, ist faktisch ein antiker, konkret von Cicero übernommener Gottesaufweis, dem zufolge etwas rational Geleitetes besser geordnet ist als etwas nicht rational Geleitetes, so dass die vollkommen geordnete Welt auf die Leitung eines vollkommenen rationalen Schöpfers zurückzuführen sein muss. Typisch für einen mittelalterlichen Gottesbeweis ist hingegen die Abschlussformulierung, dadurch sei dasjenige bewiesen, „das wir Gott nennen“.
Für Abaelard ist die von ihm angenommene hohe Überzeugungskraft dieses Argumentes von Bedeutung, auch wenn man dessen Prämissen, z.B. die von der perfekten Ordnung der Welt, (nicht nur aus heutiger Sicht) kritisch hinterfragen kann. Abaelard kann sich hierfür aber nicht nur auf christliche Annahmen, sondern z.B. auch auf die antike Stoa stützen, die ja ebenfalls die Welt als gut bezeichnete (Zitat Nummer 157 [2]). Daher kann er durchaus annehmen, dass sein Argument, obwohl es nicht zwingend ist, in noch höherem Maße überzeugend wirken wird als vorgeblich notwendige Gründe, die die Adressaten möglicherweise in eine Haltung skeptischen Zweifels versetzen. Demgegenüber hofft Abaelard wohl darauf, dass mehr Menschen die Idee einer geordneten Welt und eines ordnenden Gottes besonders attraktiv finden werden.

Themen:

  • Gottesbeweis
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Ordnung
  • Vernunft
  • Welt

Es steht fest, dass das, das von sich selbst her ist, von Natur aus würdiger ist als das, was von einem anderen her ist. Und es besteht keine Diskussion darüber, dass alles, was zu Vernunft und Verständnis fähig ist, über alle anderen hervorragt. [...] Es steht aber fest, dass der Mensch, obwohl er vernünftig ist, keineswegs zur eigenen Leitung fähig ist, da er nicht vermag, sich selbst im Meer dieses Lebens so zu leiten, wie er will. Noch viel weniger ist es also angemessen, dass das eigener Leitung anvertraut ist, was mit Sicherheit keine Vernunft hat, mit der es sich leiten könnte. Das aber ist die Welt [...]. Und ich denke, dass durch diese oder ähnliche Vernunftgründe deutlich ist, dass alles, was in der Welt ist, einen Schöpfer oder Leiter hat. Den nennen wir Gott.


Übersetzer: Matthias Perkams