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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Heloissa (Héloïse): Zweiter Brief Heloissas 4. bzw. 3. Brief der Sammlung (p. 121, l. 173-179 Monfrin)

Original:

Auch Heloissa fällt es schwer, mit dem Geschehenen fertig zu werden
Quomodo etiam poenitentia peccatorum dicitur, quantacumque sit corporis afflictio, si mens adhuc ipsam peccandi retinet voluntatem et pristinis aestuat desideriis? Facile quidem est, quemlibet confitendo peccata seipsum accusare aut etiam in exteriori satisfactione corpus affligere; difficillimum vero est, a desideriis maximarum voluptatum avellere animum.

Quelle: Heloissa (Héloïse): Zweiter Brief Heloissas 4. bzw. 3. Brief der Sammlung (p. 121, l. 173-179 Monfrin).
Edition: Abélard, Historia calamitatum. Texte critique avec une introduction par J. Monfrin, Paris 31967.

Auslegung:

Dieses Zitat spricht in einer bemerkenswert offenen Weise über die Sehnsucht einer religiös lebenden Frau nach ihrem alten Beziehungsleben. Es hat immer als eine für eine mittelalterliche Frau ungewöhnliche Äußerung gegolten, zumal es von einer der gebildetsten und berühmtesten Frauen des Mittelalters stammt.
Es stammt aus einem Brief, den Heloise, die Frau Abaelards, als Antwort auf die Geschichte meiner Leiden (vgl. Zitat Nummer 46) an Abaelard schreibt. Seit dem stürmischen Beginn ihrer Affäre ist seitdem einiges passiert: Abaelard hat sich nach seiner Kastration (Zitat Nummer 46) ins Kloster zurückgezogen und ist schließlich doch wieder als Lehrer nach Paris zurückgekehrt. Heloise ist inzwischen Äbtissin des Frauenklosters Paraklet, das sie auf einem Abaelard gehörigen Stück Land gegründet hat. Gerade Heloise wünscht sich die alte Nähe zurück und macht keinen Hehl daraus, dass sie ihre eigene Reue über die gemeinsamen Ausschweifungen als unehrlich empfindet – denn nach wie vor sehnt sie sich danach zurück.
Diese Offenheit Heloises ergibt sich insofern aus dem Inhalt des Briefwechsels mit Abaelard, als dieser versucht, seine Frau zu einer wahrhaft christlichen Haltung zurückzuführen. Dies gelingt allenfalls langsam, bevor der Briefwechsel in eine Regel Abaelards für das klösterliche Zusammenleben im Paraklet ausläuft.

Themen:

  • Liebe
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Sünde
  • Begehren/Begierde
  • Buße

Wie kann etwas Buße für Sünden genannt werden, wenn der Verstand, obwohl die Züchtigung des Körpers sehr groß ist, weiterhin den Willen zur Sünde behält und in den alten Begierden entbrennt? Denn es ist leicht, dass sich jemand beim Bekennen von Sünden selbst anklagt oder auch in äußerer Buße den Körper züchtigt; äußerst schwierig ist es aber, den Geist von den Begierden der größten Lüste loszureißen.


Übersetzer: Matthias Perkams