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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Theologia ,Scholarium‘ II, Kap. 101f

Original:

Zur Erklärung der Trinität stellt Abaelard Überlegungen über ein einziges Wesen mit mehreren spezifischen Eigenschaften an
Hoc autem modo facile in singulis rebus assignari potest, et unam numero atque essentialiter rem permanere, et ipsi plures inesse proprietates secundum quas aliqua diversa sint definitione, non numero, et eadem res diversa in sensu vocabula sortiatur. Verbi gratia, hic homo et substantia est et corpus et animatum atque sensibile [...]. Et cum in ipso idem sit numero vel essentialiter substantia quod corpus vel animatum et cetera, nihilominus tamen haec ab invicem proprietatibus suis diversa sunt, secundum quas scilicet ipsa diversis terminanda sunt definitionibus. [...] Ad hunc igitur modum cum in singulis rebus, una permanente essentia, possint assignari innumerabilia secundum proprietates suas ab invicem diversa, quid mirum si una permanente divina essentia, diversae quaedam in illo sunt proprietates secundum quas distingui tres personae queant?

Quelle: Peter Abaelard: Theologia ,Scholarium‘ /Theologia ,Scholarium‘ (Tsch.) II, Kap. 101f.
Edition: Petri Abaelardi Opera theologica 3. Theologia ,Summi Boni‘. Theologia ,Scholarium‘. Cura et studio E. M. Buytaert et C. J. Mews (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis 13), Turnhout 1987.

Auslegung:

Dieser Text ist ein Zeugnis dafür, wie die Diskussion über die Trinität die Ontologie christlicher Autoren beeinflusst. Abaelard möchte zeigen, wie Gott einer sein kann, obwohl er drei spezifische Eigenschaften aufweist, nämlich „ungeworden“ (der Vater), „geworden“ (der Sohn) und „hervorgehend“ (der heilige Geist). Abaelard weist daher darauf hin, dass wir viele Dinge kennen, die zwar ein- und dasselbe sind, die aber verschiedene Eigenschaften aufweisen, z.B. ein Mensch, der nicht nur „Mensch“, sondern auch „Lebewesen“ und „blond“ ist. Derartige Feststellungen, die sich grundsätzlich im Rahmen der aristotelischen Ontologie bewegen, sind freilich nur ein erster Schritt für die These, dass Gott drei im Prinzip gleichgewichtige spezifische Eigenschaften haben kann, denn Akzidenzien sind ja z.B. gerade nicht für ein Wesen spezifisch, das solche Akzidenzien aufweist. Auch ein Gattungsbegriff wie „Lebewesen“ ist ja auch nicht gleich charakteristisch für den Menschen wie seine Rationalität. Daher ist die hier präsentierte Überlegung lediglich ein erster Schritt für Abaelards Erklärung der Trinität.

Themen:

  • Mittelalterliche Philosophie
  • Akzidenzien
  • Gattungen und Arten
  • Ontologie
  • Substanz
  • Trinität

Auf diese Weise lässt sich dann leicht an einzelnen Sachen aufweisen, dass die Sache an Zahl und wesenhaft eine bleibt und ihr doch mehrere spezifische Eigenschaften innewohnen, denen entsprechend Dinge von ihrer Definition her, nicht an Zahl verschieden sind, und dieselbe Sache in ihrem Sinn verschiedene Vokabeln zugewiesen bekommt. Zum Beispiel ist dieser Mensch eine Substanz, ein Körper, etwas Beseeltes und zur Sinneswahrnehmung Fähiges, das heißt „ein vernünftiges und sterbliches Lebewesen“, das heißt ein Mensch, und vielleicht weiß und lockig und unterliegt anderen Akzidentien, die er empfängt. Und obwohl in ihm an Zahl und wesenhaft die Substanz dasselbe ist wie der Körper, das Beseelte und das Übrige, ist doch das alles in seinen spezifischen Eigenschaften voneinander verschieden und dementsprechend mit verschiedenen Definitionen zu belegen. [...] Auf diese Weise lässt sich also an einzelnen Sachen bei einer bleibenden Wesenheit unzählig viel seinen spezifischen Eigenschaften nach voneinander Verschiedenes aufweisen; was ist dann erstaunlich daran, wenn bei einer bleibenden göttlichen Wesenheit verschiedene spezifische Eigenschaften in ihm bestehen, denen entsprechend drei Personen unterschieden werden können?


Übersetzer: Matthias Perkams