Original:
Die Universalität der Seele ergibt sich für Albertus Magnus aus ihrer Verbindung mit der ersten Ursache
Facile […] est […] determinare de natura intellectualis animae, quoniam naturam hanc habet ex hoc quod est processio a causa prima emanans non usque ad permixtionem materiae. Et ideo a quibusdam sapientibus nostrae legis imago dei dicitur. Ex huiusmodi enim assimilatione primae causae habet intellectum universaliter agentem, qui sicut lux est separata. […] Ex hoc tamen quod haec natura appropiavit corpori organico physico, natura sua intellectualis parum mergitur, et ideo habet intellectum possibilem accipientem ab imaginatione et sensu. Et cum sit natura haec separata et non mersa in materiam secundum se, oportet quod sit universalis; et ideo est anima universaliter omnium cognitiva intellectualiter […]. Cognitiva autem sensibilis, quae est actus organi materialis, non est acceptiva nisi quorundam.
Quelle:
Albertus Magnus:
Über den Intellekt und das Intelligible
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De intellectu et intelligibili
I 6 (p. 11 Donati).
Edition: Alberti Magni De intellectu et intelligibili. Edidit Silvia Donati (Editio Coloniensis 7, 2B), Münster 2025.
Auslegung:
In diesem Text erörtert Albertus Magnus den ontologischen Status der menschlichen Seele. Ähnlich wie Ibn Sīnā (Avicenna; Zitat Nummer 951) betont er die Transzendenz zur Seele gegenüber dem Körper einerseits und ihre Verbindung mit der ersten Ursache andererseits. Die Stellung der Seele, die durch ihre Verbindung mit der Körperwelt einen möglichen Intellekt hervorbringt, erinnert grundsätzlich an Ibn Sīnā und Plotin (Zitat Nummer 271), auch wenn die Rede vom „möglichen Intellekt“ ein aristotelisches Element ist, das von Ibn Rušd (Averroes) entlehnt ist. Von Averroes formuliert ist auch das grundlegende Problem, auf das Albert in diesem Text reagiert: Wie ist es möglich, dass die individuelle menschliche Seele universale Konzepte denken kann? Während Averroes meint, dies gehe nur, wenn alle Menschen einen Intellekt hätten (Zitat Nummer 474), meint Albert, dass dies auch dem einzelnen Menschen möglich sei, weil seine rationale Seele, als Intellekt letztlich, durch ihre Verbindung zur ersten Ursache, außerhalb der Körperwelt steht und mit der ersten Ursache verbunden ist, aus der sie hervorgegangen ist. Auch dies erinnert an neuplatonische Lösungen. Der integrative Charakter von Alberts Denken zeigt sich weiterhin daran, dass er das Verhältnis von menschlichem Intellekt und erster Ursache durch die jüdisch-christliche Formulierung vom Menschen als „Bild Gottes“ erläutert („Gesetz“ bedeutet in diesem Kontext wohl etwas wie „Konfession“). Mit der ersten Ursache, von der Albert hier spricht, dürfte in der Tat der christliche Gott gemeint sein. Trotz der systematischen Grundstruktur des Textes, die stark von Avicenna inspiriert ist, lässt dieser Text den integrativen und gerade hierin originellen Ansatz Alberts erkennen.
Themen:
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Mensch und Seele
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Bild Gottes (Mensch als)
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Intellekt/Geist/Denkseele
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Hervorgehen und Rückkehr
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Intellekt (Formen des Intellekts)
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Körper und Seele
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Materie
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Natur (des Menschen)
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Neuplatonismus
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Psychologie (philosophische)