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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Thierry von Chartres: Abhandlung über die Werke der sechs Tage § 2

Original:

Thierry v. Chartres über die vier Ursachen der Weltentstehung
IN PRINCIPIO CREAVIT DEUS CAELUM ET TERRAM et cetera.
[1] Causas, ex quibus habeat mundus existere et temporum ordinem in quibus idem mundus conditus et ornatus est, rationabiliter ostendit. [...]
[2] Mundanae igitur substantiae causae sunt quattuor: efficiens ut deus, formalis ut dei sapientia, finalis ut eiusdem benignitas, materialis quattuor elementa. Necesse est enim quia mutabilia et caduca sunt mundana eadem habere auctorem. Quia vero rationabiliter et quodam ordine pulcherrimo disposita sunt secundum sapientiam illa esse creata necesse est.
[3] Quoniam autem ipse creator iuxta veram rationem nullo indiget [...], oportet, ut ea, quae creat, ex sola benignitate et caritate creet, ut scilicet habeat, quibus beatitudinem suam more caritatis participet. Quia vero omnis ordinatio inordinatis adhibetur, oportuit aliquid inordinatum praecedere.

Quelle: Thierry von Chartres: Abhandlung über die Werke der sechs Tage /Tractatus de sex dierum operibus § 2.
Edition: Thierry of Chartres, Tractatus de sex dierum operibus, in Commentaries on Boethius by Thierry of Chartres and his School, ed. N. M. Häring, Toronto 1971.

Auslegung:

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Kommentar zur biblischen Schöpfungsgeschichte des Thierry von Chartres, einer der bedeutendsten Autoren, die tendenziell der naturphilosophisch aktiven „Schule von Chartres“ im frühen 12. Jahrhundert zugewiesen werden. Die Werke dieser Schule sind dadurch charakterisiert, dass ihre Autoren die Entstehung und Struktur der Natur anhand der ihnen zur Verfügung stehenden Texte philosophisch erklären wollen. Ihre Hauptquellen sind neben dem biblischen Schöpfungsbericht und seiner Auslegung durch verschiedene Kirchenväter eine lateinische Übersetzung von Platons Timaios sowie der spätantike Kommentar des Calcidius zu diesem Werk.
Um die grundlegende Struktur der Welt zu erklären, greift Thierry hier auf Aristoteles’ Lehre von den vier Ursachen zurück: Während Gott dabei die Wirkursache bildet, welche die Welt aus Liebe schafft, stellt die göttliche Weisheit die Formursache dar, welche der Welt ihre Struktur verleiht. Das Wohlwollen ist das Ziel, um dessentwillen Gott all dies aus Liebe schafft. Die vier Elemente ihrerseits stellen die niedrigste Ursachenart, die Stoffursache dar, sie sind aber, wie sich zeigen wird, gerade die Ursache, die auch nach der ursprünglichen Erschaffung der Welt weiterwirkt (vgl. Zitat Nummer 96).

Themen:

  • Ursachen, Arten von
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Elemente (die vier Elemente)
  • Gott
  • Kosmos
  • Natur
  • Physik/Naturphilosophie
  • Schöpfung
  • Schöpfungsordnung
  • Liebe Gottes
  • Schule von Chartres

AM ANFANG SCHUF GOTT HIMMEL UND ERDE usw. (Genesis/1 Mose 1, 1).
[1] Die Ursachen, aus denen die Welt ihre Existenz hat, und die Anordnung der Zeiten, in denen dieselbe Welt begründet und geschmückt wurde, zeigt [Mose] auf vernünftige Weise. [...]
[2] Es gibt also vier Ursachen für die Weltsubstanz: die bewirkende, nämlich Gott, die formale, nämlich die Weisheit Gottes, die finale, nämlich sein Wohlwollen, und die materiale, die vier Elemente [Feuer, Wasser, Erde, Luft]. Denn es ist notwendig, dass die Dinge der Welt einen Schöpfer haben, weil sie veränderlich und vergänglich sind. Weil sie aber vernünftig und auf wunderschöne Weise angeordnet sind, ist es notwendig, dass sie gemäß der Weisheit geschaffen sind.
[3] Weil aber der Schöpfer selbst gemäß einem wahren Vernunftargument nichts nötig hat [...], muss man annehmen, dass er das, was er schafft, ausschließlich aus Wohlwollen und Liebe schafft, damit er etwas hat, dem er seine Seligkeit auf die Weise der Liebe mitteilen kann. Weil aber jede Ordnung auf etwas Ungeordnetes angewandt wird, war es erforderlich, dass zunächst etwas Ungeordnetes voranging.


Übersetzer: Matthias Perkams