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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Siger von Brabant: Fragen zum dritten Buch von Aristoteles’ De anima q. 1, resp

Original:

Siger von Brabant (ca. 1240-1284) formuliert in der Nachfolge des Ibn Rušd (Averroes) seine Position
[1] Vegetativum et sensitivum educuntur de potentia materiae cum formatur progenitum. Si ergo adveniret vegetativum et sensitivum ab extrinseco […], necessario oporteret quod in homine esset duplex vegetativum et duplex sensitivum, quod […] est inconveniens.
[2] Propter quod dicendum est […] quod intellectivum non radicatur in eadem anima simplici cum vegetativo et sensitivo […], sed radicatur cum ipsis in eadem anima composita. Unde cum intellectus simplex sit, cum advenit, tum in suo adventu unitur vegetativo et sensitivo, et sic ipsa unita non faciunt unam simplicem, sed compositam.

Quelle: Siger von Brabant: Fragen zum dritten Buch von Aristoteles’ De anima /Quaestiones in tertium De anima q. 1, resp.
Edition: Siger de Brabant, Quaestiones in tertium De anima. De anima intellectiva. De aeternitate mundi, Édition critique, ed. B. Bazán, Louvain/Paris 1972 (= Philosophes médiévaux, 13).

Auslegung:

Siger formuliert hier eine aristotelische Philosophie der Seelenvermögen, die letztlich von dessen Schrift Über die Seele (De anima) inspiriert ist. Dort deutet Aristoteles an, dass es eine Art von Seele geben könnte, nämlich den Geist oder Intellekt, der vom Körper abtrennbar ist (Zitat Nummer 874). Demgegenüber sind die anderen Arten von Seele untrennbar mit dem Körper verbunden, d.h. die vegetative und die nicht rationale Seele, und können nicht von diesem abgetrennt werden (Zitat Nummer 669 [3]). Siger schließt daraus, dass diese beiden Seelenvermögen zusammen mit dem natürlichen Körper entstehen und somit letztlich durch biologische Prozesse zu erklären sind. Die Denkseele bzw. der Geist oder Intellekt müsse hingegen, in Anlehnung an einer Aussage des Aristoteles, von außen kommen und in ihrem Sein unabhängig vom menschlichen Körper sein.
Mit dieser Deutung folgt Siger, wie die meisten lateinischen Denker des Mittelalters, der Erklärung des Averroes. Demgegenüber meinen Albertus Magnus und Thomas von Aquin in der Nachfolge von Plotin und Avicenna, dass die gesamte Seele sich gleichsam von außen her, d.h. von höheren Ursachen her, mit dem Körper verbinde. Dabei, und nicht aus dem Körper selbst, entstünden dann die vegetative und nicht rationale Seele (Zitate Nummer 271, 947, 951). Auf diese Weise können diese Denker die Transzendenz und Einheitlichkeit der Seele betonen, während Averroes und Siger eher die Einheit der physischen Welt herausstellen.

Themen:

  • Mensch und Seele
  • Körper und Seele
  • Seele (nicht rationale)
  • Seele, vegetative (Pflanzen-/Nährseele)
  • Seelenlehre (Psychologie)
  • Seelenvermögen
  • Geist/Intellekt/Denkseele

[1] Das Vegetative und das Sinnliche Seelenvermögen werden aus einer Möglichkeit der Materie heraus gebildet, wenn ein Nachkomme gebildet wird. Wenn also das Vegetative und das Sinnliche von außen kämen, […] wäre es notwendig, dass im Menschen ein doppeltes Vegetatives und ein doppeltes Sinnliches wäre. Das ist […] inakzeptabel.
[2] Deswegen […] ist zu sagen, dass das Denkvermögen nicht in derselben einfachen Seele wurzelt wie das Vegetative und das Sinnliche […]. Wenn der Intellekt also einfach ist, wenn er in den Körper eintritt, dann wird er bei seinem Eintritt mit dem Vegetativen und dem Sinnlichen vereint, und so machen sie als vereinte die Seele nicht als eine einfache, sondern als eine zusammengesetzte zu einer.


Übersetzer: Matthias Perkams