Original:
Thierry von Chartres erklärt die Rolle der vier Elemente für die Entfaltung der Natur aus Gottes ursprünglicher Schöpfung
[1] DOMINUS IN SEPTIMA DIE REQUIEVIT i.e. a novo creationis modo cessavit. [...] Ex causis seminalibus quas in spatio illorum sex dierum elementis inseruit affirmamus eum, quaecumque postea creavit vel adhuc creat, produxisse. [...]
[2] Ignis est quasi artifex et efficiens causa: terra vero subiecta quasi materialis causa. Duo vero elementa, quae sunt in medio, quasi instrumentum vel aliquid coadunativum [...]. Nam et nimiam levitatem ignis et gravitatem terrae immoderatam sua intercessione attemperant atque coniungunt. Has virtutes et alias quas seminales causas voco deus creator omnium elementis inseruit et proportionaliter aptavit, ut ex illis virtutibus elementorum temporum ordo et temperies procederet et in temporibus competentibus per illas virtutes sibi invicem succedentibus corporeae creaturae producerentur.
Quelle:
Thierry von Chartres:
Abhandlung über die Werke der sechs Tage
/
Tractatus de sex dierum operibus
§ 16f.
Edition: Thierry of Chartres, Tractatus de sex dierum operibus, in Commentaries on Boethius by Thierry of Chartres and his School, ed. N. M. Häring, Toronto 1971.
Auslegung:
Nachdem Thierry von Chartres zunächst allgemein die vier Schöpfungsursachen beschrieben hat (Zitat Nummer 95), erklärt er in diesem Text die Mechanismen, dank derer sich die Welt nach ihrer Erschaffung selbst erhält und entwickelt. Damit folgt er grundsätzlich einer Unterscheidung von göttlicher Weltschöpfung und dem Wirken der Natur, die bereits sein Vorgänger Wilhelm von Conches getroffen hatte (Zitat Nummer 94). Für Thierry entwickelt sich die Welt nach der Schöpfung durch die bereits von Empedokles (Zitat Nummer 544) erwähnten vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft sowie die ihnen natürlicherweise innewohnenden Bewegungstendenzen, die schon für Aristoteles die Welt in Bewegung setzen (Zitat Nummer 652). Ihre Wirkung tritt dann ein, wenn die göttliche Wirkursache, wie es die
Bibel sagt, „am siebten Tag ruht“. Dieses Ruhen bedeutet für Thierry den Moment, wo die Natur dadurch selbständig wird, dass die vier Elemente mit der ihnen eigentümlichen Bewegungsrichtung eine nicht endende Dynamik in die Wirklichkeit bringen. Diese Dynamik erlaubt es, die Elemente „samenhafte Ursachen“ bzw. „Ursprungsursachen“ zu nennen, denn aus ihnen geht die gesamte Entwicklung der Zeit hervor, die ja auch schon bei Aristoteles an die Bewegung gebunden ist (Zitat Nummer 658).
Themen:
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Natur
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Ursachen, Arten von
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Mittelalterliche Philosophie
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