Original:
Albertus Magnus erklärt die Fortpflanzung vor dem Hintergrund seiner gesamten Naturtheorie als Werk der der Natur innewohnenden Intelligenz
[1] Corpus vero spermatis est cum quo et in quo exit ab animali spermatizante spiritus qui est potissima virtus et principium animae quae inducitur in conceptum de potentia ad actum educta:
[2] et hic spiritus est separatus a corpore generantis […] et […] est res divina, […] ita quod […] dicitur intellectus practicus formans, sicut instrumenta artificialia dicuntur ars. […] Hic enim […] est sicut si virtus artis ex artifice tota ingrederetur in dolabrum, ita quod dolabrum per se ingrederetur in ligna et lapides et sine contactu et motu artificis faceret domum.
[3] Tale enim dolabrum non esset distinctum a virtute intellectus practici […]. Et omnino secundum hunc modum movetur spiritus in spermate in virtute practici intellectus qui totius naturae est operator et perfector […]: quia hoc modo est opus naturae vocatum opus intelligentiae sive intellectus.
Quelle:
Albertus Magnus:
Über die Tiere
/
De animalibus
XVI (p. 1098 Stadler).
Edition: Albertus Magnus, De animalibus libri XXVI. Nach der Cölner Urschrift herausgegeben von Hermann Stadler, Münster 1916.
Auslegung:
Hier erläutert Albert, wie die Fortpflanzung des Menschen funktioniert. Zentral ist für ihn dabei das (männliche) Sperma, und zwar, insofern, als es ein Geistwesen von einem Körper zum nächsten transportiert. Dieses Geistwesen ist letztlich der Kern der Seele, die für Albert jedenfalls im Falle des Menschen vom Körper wesentlich verschieden ist (Zitat Nummer 948). Albert benennt ihn, ebenfalls im Sinne seiner im selben Zitat ausgedrückten Intellektlehre, als göttlich und nennt das Geistwesen insofern praktischen Intellekt, als es den Körper, den es formt, praktisch zu einem rationalen Wesen macht. Der Vergleich mit der Axt soll das verdeutlichen, denn für Aristoteles verleiht die Seele dem Menschen genauso die für ihn spezifische Fähigkeit zu leben, wie die Axt durch ihre Fähigkeit, Holz zu zerkleinern, zur Axt wird (
Über die Seele II 1, vgl. Zitat Nummer 669). In diesem Sinne meint Albert, dass eine Axt dann, wenn sie ein solches Geistwesen umfassen würde, von selbst und ohne Benutzer zum Holzhacken fähig würde.
Das in diesem Text ausschließlich auf das männliche Sperma abgehoben wird, entspricht der in der Antike, in der arabischen Welt und im Mittelalter sehr weit verbreiteten Vorstellung, dass der männliche Same aktiv bei der Formung von Nachkommen sei und von der Frau nur aufgenommen werde, ohne dass die Frau die Gestalt der Nachkommenschaft wesentlich beeinflusse (vgl. Zitat Nummer 964).
Themen:
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Mensch und Seele
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Intellekt (Formen des Intellekts)
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Intellekt/Geist/Denkseele
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Körper und Seele
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Natur
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Psychologie (philosophische)
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Seele, vegetative (Pflanzen-/Nährseele)
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Vernunft (praktische)
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Fortpflanzung