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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Thierry von Chartres: Abhandlung über die Werke der sechs Tage § 31. 34. 39. 43

Original:

Thierry von Chartres über die Einheit und Gleichheit (in) der Welt
[1] Mutabilitati omnis creatura subiecta est. Et quicquid est, vel aeternum est vel creatura. Cum igitur unitas omnem creaturam praecedat, aeternam esse necesse est. At aeternum nihil est aliud quam divinitas. Unitas igitur ipsa divinitas. [...] Unde deus totus et essentialiter ubique esse vere perhibetur. [...] Non est ergo nisi una substantia unitatis et unica essentia quae est ipsa divinitas et summa bonitas. [...]
[2] Unitates, ex quibus numeri constant, nihil aliud sunt quam verae unitatis participationes, quae creaturarum existentiae sunt. Quamdiu enim res unitate participat, ipsa permanet. [...] Est igitur gignentis et geniti una et eadem substantia, quoniam utraque vera unitas. Unitas enim per se nihil aliud gignere potest nisi eiusdem unitatis aequalitatem. [...] Sicut autem unaquaeque res ab unitate habet existere, ita ab eius unitatis aequalitate forma modus mensura uniuscuiusque rei procedit. [...] Et sicut ipsa unitas omnes numeros ex se procreat, ita ipsa unitatis aequalitas omnes proportiones et inaequalitates omnium rerum ex se producit.

Quelle: Thierry von Chartres: Abhandlung über die Werke der sechs Tage /Tractatus de sex dierum operibus § 31. 34. 39. 43.
Edition: Thierry of Chartres, Tractatus de sex dierum operibus, in Commentaries on Boethius by Thierry of Chartres and his School, ed. N. M. Häring, Toronto 1971.

Auslegung:

In diesem Text erläutert Thierry von Chartres (vgl. Zitate Nummer 95 und 96) die Struktur der Wirklichkeit in einer neuplatonischen Weise nämlich als ein Verhältnis von Einheit und Vielheit. Bemerkenswert ist dabei, dass er in [1] Gott nicht nur als schlechthinnige Einheit, sondern gleichsam als die Einheit der Welt selbst präsentiert. Das ist nicht so zu verstehen, dass Gott nichts anderes sei als die Welt, wie es später Spinoza „pantheistisch“ behaupten wird (Zitat Nummer 809), sondern gemäß der neuplatonischen Weise, dass die Einheit der ersten Ursache in allem, was aus ihr hervorgegangen ist, also auch in der Welt weiter präsent ist und gleichsam ihren Wesenskern ausmacht, der sich darin ausdrückt, dass all dies jeweils eines ist.
Diese Einheit der Welt und ihrer Elemente wird in [2] weiter erläutert. Hier betont Thierry vor allem die Wirkung der Einheit in den Dingen in Zeugungsprozessen: Nicht nur bringt ein jedes zeugendes Wesen neue Einheiten hervor, sondern es bildet mit diesen auch die Einheit der jeweiligen Art. Durch diese numerische Struktur der Welt ergibt sich auch deren Proportion und Ordnung, so dass Thierry mit philosophischen Mitteln die Vollkommenheit der Schöpfungsordnung vertreten kann.

Themen:

  • Einheit und Vielheit
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Gott
  • Kosmos
  • Natur
  • Neuplatonismus
  • Physik/Naturphilosophie
  • Schöpfungsordnung
  • Schule von Chartres
  • Zahl/Zahlen

[1] Die ganze Schöpfung unterliegt der Veränderlichkeit. Und alles, was ist, ist entweder ewig oder Schöpfung. Wenn also die Einheit der ganzen Schöpfung vorangeht, muss sie notwendigerweise ewig sein. Aber ewig ist nichts anderes als die Gottheit. Die Einheit ist also die Gottheit selbst. [...] So wird deutlich, dass Gott als ganzer und wesentlich wahrhaft überall ist. [...] Es gibt also nur eine Substanz der Einheit und eine einzige Seinsheit, nämlich die Gottheit und die höchste Güte. [...]
[2] Die Einheiten, aus denen die Zahlen bestehen, sind nichts anderes als die Teilnahmen an der wahren Einheit, welche die Existenzen der Geschöpfe bilden. Denn so lange ein Ding an der Einheit teilhat, bleibt es erhalten. [...] Das Zeugende und das Gezeugte haben also eine und dieselbe Substanz, weil sie beide die wahre Einheit sind. Denn die Einheit kann an sich nichts anderes zeugen als eine Gleichheit zur selben Einheit. [...] So wie aber ein jedes Ding seine Existenz von der Einheit hat, so geht aus der Gleichheit dieser Einheit die Form, die Art und Weise und das Maß jedes Dinges hervor. [...] Und so wie die Einheit aus sich heraus alle Zahlen hervorgehen lässt, so bringt die Gleichheit der Einheit selbst alle Proportionen und Ungleichheiten aller Dinge aus sich hervor.


Übersetzer: Matthias Perkams