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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Albertus Magnus: Über die Natur und den Ursprung der Seele II 6 (27, 78-28, 25; 29, 2-45 Geyer)

Original:

Argumente des Albertus Magnus für die Unsterblichkeit der Seele
[1] Quicquid de se rationes invenit honestorum et piorum ad religionem et honestatem pertinentium, ad corpus non habet dependentiam. Quod probatur per hoc quod honestum est, quod propria et sua sive sibi essentiali vi nos trahit […], et hoc est quod propter se appetimus, quamvis nihil utilitatis vel alterius delectationis haberet adiunctum. […] Quicquid autem appetitur secundum conveniens coniuncto, appetitur et quaeritur secundum rationem utilis aut secundum rationem delectabilis. […] Et hoc est contra diffinitionem honesti et pii et utilis. […] Et huius signum est […] quod nullum aliorum animalium praeter hominem aliquid umquam appetit vel quaerit honestorum vel piorum vel religiosorum. […] Quod ad corpus non dependet, non destruitur illo destructo. Anima igitur rationalis non perit pereunte corpore. […]
[2] Quorumcumque est unum secundum naturam optimum, eorum est una analogia ad optimum illud participandum. Est autem omnis intellectualis naturae secundum naturam optimum contemplativa felicitas. […] Propter quod Aristoteles dicit quod homo non est nisi intellectus, eo quod bonum intellectus solum sibi proprium est et connaturale. Igitur una analogia erit dei et intellectuum divinorum et hominis ad hoc optimum. […] Haec analogia non potest esse nisi secundum facultatem et operationem essentialem separatam et perpetuam, nihil commune cum corpore habentem. […] Ergo anima intellectualis […] separata est et esse perpetuum habet.

Quelle: Albertus Magnus: Über die Natur und den Ursprung der Seele /De natura et origine animae II 6 (27, 78-28, 25; 29, 2-45 Geyer).
Edition: Alberti Magni Liber de natura et origine animae. Primum ad fidem autographi edidit Bernhard Geyer, in: Alberti magni opera omnia (Editio coloniensis) 12, Münster 1955, 1-46.

Auslegung:

Dieser Text des Albertus Magnus soll zwei Argumente für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele liefern. Tatsächlich handelt es sich um zwei relativ wenig technische Argumente, die neben philosophisch ausgefeiltere Argumentationsgänge treten, zu denen sich Albert von Avicenna (vgl. Zitat Nummer 997) inspirieren lässt. Das erste der beiden hier zitierten Argumente argumentiert von der Selbstzwecklichkeit menschlichen Handelns her: In Alberts Optik, die zutiefst aristotelisch inspiriert ist, sind Menschen in der Lage, bestimmte Dinge nur deswegen zu tun, weil sie gut sind, und nicht, weil sie nützlich sind. Diese Zweckfreiheit sei bei Tieren nicht vorhanden, die niemals etwas an sich Gutes und Frommes erstreben. Diese Beobachtung zum Verhältnis von Mensch und Tier wird von Albert noch mit einer weiteren Annahme verbunden, die aus heutiger Sicht weniger intuitiv verständlich sein könnte: Er meint nämlich, dass ein zweckrationales, auf einen Nutzen ziehendes Handeln auf das Engste an Körperlichkeit gebunden ist. Ein Wesen, das auch in der Lage sei, zweckfrei um des Guten selbst willen zu handeln, wie der Mensch es Alberts Meinung nach ist, kann deswegen nicht zur Gänze körperlich sein, sondern muss eine unkörperliche Seele besitzen, die auch unsterblich sein kann.
Das zweite Argument geht von einer Analogie zwischen dem (in Alberts Augen) für den Menschen Besten zu demjenigen aus, was für Gott und für einen Intellekt an sich am besten wäre: nämlich das kontemplative Betrachten des Wahren und Guten (vgl. Zitat Nummer 769). Da dies, wie schon von Aristoteles behauptet (Zitat Nummer 442), das für den Menschen Beste ist, muss seine Seele eine Ähnlichkeit zu höheren Intellekten besitzen und wie diese unsterblich sein. Hier argumentiert Albert von Aristoteles’ Eudaimonieverständnis her für die Ähnlichkeit des menschlichen zum transzendenten Intellekt, die er auch anderswo betont (Zitat Nummer 948).
Diese beiden Gedankengänge gehören zu insgesamt acht Argumenten, die den Kern von Alberts Schrift Über die Natur und den Ursprung der Seele bilden. Durch diese Schrift ergänzt Albert die Ausführungen, die er in seiner philosophischen Paraphrase zu Aristoteles’ Schrift Über die Seele gemacht hat. Albert meint nämlich, dass Aristoteles nicht sämtliche die Seele betreffenden Themen abschließend behandelt, da er eine Theorie der Seele an sich, wie Albert sie annimmt, nicht eigens darlegt. Insofern zeigt sich seine Darstellung des Aristotelismus (Zitat Nummer 49) von großer Freiheit gegenüber der aristotelischen Vorlage geprägt.

Themen:

  • Mensch und Seele
  • Glückseligkeit (Eudaimonia)
  • Gutes (das Gute)
  • Kontemplation
  • Körperliches/Unkörperliches
  • Nützliches/das Nützliche
  • Seele
  • Tier(e)
  • Unsterblichkeit der Seele
  • Selbstzwecklichkeit

[1] Alles, was aus sich heraus Gründe für das an sich Gute und das Fromme, das zur Gottesverehrung und zur Güte an sich gehört, hat, hat keine Abhängigkeit vom Körper. Das wird dadurch bewiesen, dass das, was an sich gut ist, uns durch seine eigene und eigentümliche Kraft anzieht und, und das ist das, was wir um seiner selbst willen erstreben, obwohl es keinen Nutzen oder keine andere Freude bei sich trägt. […] Alles, was aber gemäß dem zum [mit dem Körper] Verbundenen Passenden erstrebt wird, wird gemäß dem Gehalt des Nützlichen oder dem des Freudvollen erstrebt und gesucht. […] Und das widerspricht der Definition des an sich Guten, des Frommen sowie des Nützlichen. […] Und ein Zeichen dafür ist, dass keines der anderen Tiere, vom Menschen abgesehen, jemals etwas an sich Gutes, Frommes oder Religiöses anstrebt oder sucht. […] Was nicht vom Körper abhängt, wird nicht zerstört, wenn er zerstört wird. Die rationale Seele vergeht also nicht, wenn der Körper vergeht.
[2] All das, was ein einziges Bestes seiner Natur nach hat, weist eine Analogie dahingehend auf, an diesem Besten teilzuhaben. Aber das seiner Natur nach Beste für jede Intellektnatur ist das kontemplative Glücklichsein. […] Deswegen sagt Aristoteles, dass der Mensch nur ein Intellekt ist, weil das Gute des Intellekts allein ihm eigentümlich und seiner Natur entsprechend ist. Also besteht eine Analogie Gottes, der göttlichen Intellekte und des Menschen zu diesem Besten. […] Diese Analogie kann es nur gemäß einer wesenhaften und ewigen Fähigkeit und Tätigkeit geben, die nichts mit dem Körper gemeinsam hat. […] Also ist die Intellektseele abgetrennt […] und hat ewiges Sein.


Übersetzer: Matthias Perkams