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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Robert von Melun: Zusammenstellung der Lehrsätze I, II, (0), 127

Original:

Robert von Melun über die Leistungen von Wille und Vernunft
Unde bene liberum arbitrium ita est diffinitum ,iudicium de voluntate liberum‘. Per ,iudicium‘ namque cuius vis penes rationem consistit de voluntatibus, qualescumque sint et de quibuscumque rebus habite sint, recta datur sententia approbationis vel improbationis, et libera, quia de voluntatibus iudicatur que, de quibuscumque rebus habite sint, ab omni dominio necessitatis absolute sunt. Qua etiam de causa et bone voluntates premio digne fiunt, quia in eis habendis voluntas iudicio rationis consentit, et male pena, quia in eis habendis voluntas a iudicio rationis dissentit.

Quelle: Robert von Melun: Zusammenstellung der Lehrsätze /Sententiae I, II, (0), 127.
Edition: Handschriften London, British Library, Royal 8 G IX, f. 115rb, Brügge Stadtbibliothek, 191, f. 180ra.

Auslegung:

In diesem Text formuliert Robert von Melun als einer der ersten eine klar differenzierende Beschreibung der Rollen von Wille und praktischer Vernunft beim menschlichen Handeln (vgl. auch Zitat Nummer 619): Die handlungsleitende Vernunft urteilt über mögliche Willensakte, aber der Wille kann diese frei hervorbringen oder nicht hervorbringen. Insofern ist dieses Urteil frei und zugleich verantwortlich bzw. rechenschaftspflichtig, wie der Verweis auf Strafe und Belohnung andeutet. Die Bedeutung des Textes liegt vor allem darin, dass er durch die klare Trennung der Aufgaben von Wille und Vernunft den handlungstheoretischen Voluntarismus des 13. Jahrhunderts vorwegnimmt.

Themen:

  • Freiheit (Vorlesung)
  • Freie Entscheidung (liberum arbitrium)
  • Freiheit
  • Strafe
  • Vernunft (praktische)
  • Voluntarismus
  • Wahlfreiheit
  • Wille

Denn durch ein Urteil, dessen Kraft durch die Vernunft besteht, über die Willensakte – welche auch immer diese sind auf welche Dinge sie sich erstrecken – ergeht ein richtiges Votum der Billigung oder Missbilligung, und ein freies, weil über Willensakte geurteilt wird, die – auf welche Dinge sie sich auch immer beziehen – von jeder Herrschaft der Notwendigkeit losgelöst sind. Aus diesem Grund werden sowohl die guten Willensakte einer Belohnung würdig, weil in ihrem Falle der Wille dem Urteil der Vernunft zustimmt, und die schlechten einer Strafe würdig, weil in ihrem Falle der Wille vom Urteil der Vernunft abweicht.


Übersetzer: Matthias Perkams