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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Robert von Melun: Zusammenstellung der Lehrsätze I, II, [0], 144

Original:

Robert von Melun erkennt jedem Menschen einen natürlichen Willen zum Guten an
Sicut naturale animae est bonum a malo discernere, ita et ei naturale est bonum velle atque ad id naturaliter tendere. Quod et semper facit, si inde fructum meriti nullum habet, quia et hoc [...], in quantocumque crimine sit, agit, i.e. naturaliter bonum vult et naturaliter amat. [...] Quia nullus est homo qui naturaliter talem vitae statum non optet atque desideret in quo nec gemitus nec dolor esse possit, nullus est qui naturaliter beatitudinem eternam non optet atque desideret. [...] Ex quibus confici potest omnem hominem naturaliter summum bonum velle habere et naturaliter illud amare. Quod etiam [...] et illi qui in inferno sunt [...] vellent habere. Nam nisi illud habere optarent, nunquam eis tormentum esset illo carere.

Quelle: Robert von Melun: Zusammenstellung der Lehrsätze /Sententiae I, II, [0], 144.
Edition: Matthias Perkams, Synderesis, Wille und Vernunft im 12. Jahrhundert. Die Entfaltung moralpsychologischer Grundbegriffe bei Anselm von Laon, Peter Abaelard und Robert von Melun, in: Radix totius libertatis. Zum Verhältnis von Willen und Vernunft in der mittelalterlichen Philosophie, hg. von Günther Mensching, Würzburg 2011, 19-42.

Auslegung:

Dieser Text ist eines der frühesten mittelalterlichen Beispiele für eine Konzeption des Urgewissens, das später „Synderesis“ genannt wird, mit einem Fokus auf das Wollen des Guten: Ein klassisches Merkmal einer Synderesis-Konzeption besteht darin, dass es im Menschen stets etwas gibt, das zum Guten tendiert, und zwar unabhängig davon, wie sehr ein Mensch in Sünde verstrickt ist (vgl. schon Origenes in Zitat Nummer 340). Interessant ist, dass Robert diesen Gedanken aus dem Streben des Menschen nach Glück ableitet, das nie verlorengeht. Zugleich meint er, dass dieses Streben, offenbar zumindest implizit, auf die Seligkeit in der Vereinigung mit Gott hin gerichtet ist. Insofern ist es stets ein Streben zu einem guten Ziel und insofern gut. Somit hat Robert zum einen ein teleologisches Verständnis von Ethik: Ein menschliches Leben ist dann gut, wenn es auf ein gutes Ziel gerichtet ist, und er sieht dieses Streben als grundlegendes Wollen immer als gegeben an. Warum das richtig sein soll, wird man bezweifeln können, doch ergibt dies sich für Robert aus der unverlierbaren Ausrichtung des Menschen auf Gott, welche im Vergleich zum recht offenen aristotelischen Verständnis von Eudaimonia (Zitat Nummer 171; vgl. auch Thomas von Aquin in Zitat Nummer 124) eine starke Vorfestlegung beinhaltet, wie sie aber für die von Robert geteilte religiöse Weltsicht nicht ungewöhnlich ist.

Themen:

  • Gut und Schlecht
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Freiheit (Vorlesung)
  • Glückseligkeit (Eudaimonia)
  • Gutes (das Gute)
  • Mittelalter
  • Urgewissen/Synderesis
  • Wille
  • Streben

So wie es für die Seele natürlich ist, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden, so ist es ihr natürlich, das Gute zu wollen und natürlich zu ihm hinzustreben. Das macht sie auch immer dann, wenn sie keinerlei Lohn für ein Verdienst davon hat, weil sie das auch tut [...], wenn sie in jedem beliebigen Verbrechen befangen ist, nämlich natürlicherweise das Gute zu wollen und es natürlicherweise zu lieben. [...] Weil es keinen Menschen gibt, der natürlicherweise nicht den Zustand des Lebens wünscht und begehrt, in dem weder ein Seufzen noch ein Schmerz da sein kann, gibt es keinen, der nicht natürlicherweise die ewige Seligkeit wünscht und begehrt. [...] Hieraus kann geschlossen werden, dass jeder Mensch natürlicherweise das höchste Gut besitzen und es natürlicherweise lieben will. Das würden [...] selbst die, die in der Hölle sind, [...] gerne besitzen. Denn wenn sie es nicht zu besitzen wünschten, wäre es für sie niemals eine Qual, es zu entbehren.


Übersetzer: Matthias Perkams