Original:
Peter Abaelard über natürliches und positives Recht
Oportet autem [...] non solum naturalis, verum etiam positive iustitie tramitem non excedi. Ius quippe aliud naturale, aliud positivum dicitur. Naturale quidem ius est, quod opere complendum esse ipsa, quae omnibus naturaliter inest, ratio persuadet; et idcirco apud omnes permanet, ut Deum colere, parentes amare, perversos punire, et quorumcumque observantia omnibus est necessaria [...]. Positivae autem iustitiae illud est, quod ab hominibus institutum ad utilitatem scilicet vel honestatem tutius muniendam vel amplificandam aut sola consuetudine aut scripti nititur auctoritate, utpote poenae vindictarum vel in examinandis accusationibus sententiae iudiciorum, cum apud alios ritus sit duellorum vel igniti ferri, apud alios autem omnis controversiae finis sit iuratum et testibus omnis discussio committatur.
Quelle:
Peter Abaelard:
Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen
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Collationes
II.
Edition: Abelard’s Collationes. Edited and Translated by John Marenbon and Giovanni Orlandi, Oxford 2002.
Auslegung:
Dieser Text ist die erste bekannte Stelle, an der im mittelalterlichen Denken zwischen Naturrecht bzw. Naturgesetz und positivem Recht und Gesetz unterschieden wird (vgl. Zitat Nummer 363). Die Unterscheidung ist ganz klassisch: Mit „Naturrecht“ (
ius naturale) meint Abaelard all die Handlungen, die bei allen Menschen aus ihrer Vernunft heraus als gut oder als schlecht gelten. Dazu gehören ganz allgemeine, häufig an die zehn Gebote angelehnte Regeln wie etwa, Gott und die Eltern zu ehren, nicht zu stehlen usw. Das positive Recht ist dagegen eine von Menschen geschaffene Einrichtung, die sich entweder auf überlieferte Gewohnheit oder auf geschriebene Regeln stützt. Abaelard führt vor allem Beispiele aus dem Prozessrecht an, die zeigen, dass die positivrechtlichen Regeln in unterschiedlichen Staaten und Gruppen unterschiedlich sein können, etwa ob Aussagen von Zeugen oder Eide eine besonders wichtige Rolle einnehmen. Der Unterscheidung von natürlichem Recht oder Gesetz und positivem Recht oder Gesetz kommt in der mittelalterlichen Diskussion und darüber hinaus große Bedeutung zu. Im Mittelalter ist allerdings besonders die Vernunftbindung des Naturgesetzes von zentraler Wichtigkeit (vgl. Zitat Nummer 353 bei Abaelard), so dass das Naturrecht durchaus von jeder individuellen Person beurteilt werden kann.
Themen:
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Recht
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Gesetz und Gewissen
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Handeln/Handlung
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Naturgesetz (der Vernunft)
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Naturrecht
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Vernunft
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Norm/Normativität
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Positives Gesetz