Original:
Der Apostel Paulus fordert zur Rücksicht gegenüber den Gewissensüberzeugungen anderer Menschen auf
[1] 7 Ἀλλ᾽ οὐκ ἐν πᾶσιν ἡ γνῶσις· τινὲς δὲ τῇ συνηθείᾳ ἕως ἄρτι τοῦ εἰδώλου ὡς εἰδωλόθυτον ἐσθίουσιν, καὶ ἡ συνείδησις αὐτῶν ἀσθενὴς οὖσα μολύνεται.
[2] 8 βρῶμα δὲ ἡμᾶς οὐ παραστήσει τῷ θεῷ· οὔτε ἐὰν μὴ φάγωμεν ὑστερούμεθα, οὔτε ἐὰν φάγωμεν περισσεύομεν.
[3] 9 βλέπετε δὲ μή πως ἡ ἐξουσία ὑμῶν αὕτη πρόσκομμα γένηται τοῖς ἀσθενέσιν. 10 ἐὰν γάρ τις ἴδῃ σὲ τὸν ἔχοντα γνῶσιν ἐν εἰδωλείῳ κατακείμενον, οὐχὶ ἡ συνείδησις αὐτοῦ ἀσθενοῦς ὄντος οἰκοδομηθήσεται εἰς τὸ τὰ εἰδωλόθυτα ἐσθίειν; 11 ἀπόλλυται γὰρ ὁ ἀσθενῶν ἐν τῇ σῇ γνώσει, ὁ ἀδελφὸς δι᾽ ὃν Χριστὸς ἀπέθανεν.
Quelle:
Bibel, Neues Testament (Paulus von Tarsus):
1. Korintherbrief
(
1 Kor)
8, 7-11.
Edition: Novum testamentum Graece. Begründet von E. und E. Nestle. Heraugegeben von B. und K. Aland / J. Karavidopoulos / C. M. Martini / B. M. Metzger, 28. revidierte Auflage, Stuttgart 2012 (griech.).
Auslegung:
In diesem Text behandelt der Apostel Paulus eine Frage, die unter den ersten Christen offenbar unterschiedlich gehandhabt wurde: Ist es Christen erlaubt, Fleisch zu essen, das von Tieren stammt, die heidnischen Göttern („Götzen“) geopfert worden waren (vgl. dazu auch Zitat Nummer 338)? Offenbar stellt solches Fleisch für viele Christinnen und Christen noch immer etwas mit dem heidnischen Kult Verbundenes dar, das sie deswegen ablehnen [1]. Demgegenüber betont Paulus, das dieses in antiken Städten billig verkaufte Fleisch im Grunde nichts mit dem Heidentum zu tun hat, weil ein Christ aus sich heraus weiß, dass es keine Götter außer dem Einen gibt; daher ist es in seinen Augen unproblematisch solches Fleisch zu essen [2]. Auf diese Weise stellt Paulus die Freiheit des Christen gegenüber anderen religiösen Bräuchen an einem praktischen Beispiel heraus.
Eigentlich interessant ist aber der dritte Punkt: Hier ermahnt Paulus diejenigen, die, wie er, Götzenopferfleisch für unbedenklich halten, es doch nicht zu essen, wenn Mitchristen anwesend sind, die in dieser Hinsicht unsicher sind. Paulus geht dabei davon aus, dass es für diese Menschen sehr wohl eine Sünde wäre, von diesem Fleisch zu essen, denn sie würden ihrer eigenen Erkenntnis bzw. ihrem eigenen Gewissen zuwiderhandeln. Jemand, der zu einem anderen Gewissensurteil kommt und für den eine solche Handlung daher keine Sünde wäre, muss zumindest aus Solidarität hierauf Rücksicht nehmen.
Somit entwickelt der Text die Theorie, dass eine Sünde, jedenfalls in gewissen Fällen, nur in einer Handlung gegen die eigene Überzeugung oder das eigene Gewissen bestehen kann; es gibt also Handlungen, die nur für diejenigen schlecht sind, die sie für schlecht halten, für andere hingegen nicht. Trotzdem fordert Paulus dazu auf, nicht das eigene moralische Urteil, sondern dass der anderen in den Mittelpunkt zu stellen: Die mögliche Breite legitimer ethischer Positionen muss also in einer gemeinsamen Haltung bestehen, auf abweichende Überzeugungen Rücksicht zu nehmen. Diese Aussagen, die eng mit dem frühchristlichen Glaubensverständnis verbunden sind, entwickeln eine bedeutende neue Perspektive, die besonders in mittelalterlichen lateinischen Gewissenslehren zentral wird (vgl. Zitate Nummer 355 und 368).
Themen:
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Gesetz und Gewissen
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Gesetz (religiöses)
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Gewissen
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Gewissensfreiheit
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Götter
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Speisen/Speisevorschriften