Original:
Alkuin (oder ein spätantiker Autor) begründet die Würde des Menschen unter Rückgriff auf die Trinität
Tanta itaque dignitas humanae conditionis esse cognoscitur, ut [...] consilio
sanctae trinitatis et opere maiestatis divinae creatus sit homo. [...] Anima
intellectus, anima voluntas, anima memoria, non tamen tres animae in uno
corpore, sed una anima tres habens dignitates. Atque in his tribus eius
imaginem mirabiliter gerit in sua natura noster interior homo, ex quibus
quasi excellentioribus animae dignitatibus iubemur diligere conditorem.
Quelle:
Alkuin:
Die Würde der Stellung des Menschen
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De dignitate conditionis humanae
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De dignitate conditionis humanae
Kap. I-II.
Edition: Patrologia Latina, ed. Migne, vol. 17, col. 1105-1106.
Auslegung:
Dieser Text ist bedeutsam als ein frühes Beispiel für eine christliche Umformung des antiken Begriffs menschlicher Würde, der hier unter besonderer Berücksichtigung der Trinität entwickelt wird. Zugrunde liegt letztlich Augustinus’ Trinitätslehre, die als Analogie zu den drei göttlichen Personen die Verbindung von Denken, Wollen und Erinnern in der menschlichen Seele anführt (Zitat Nummer 298). Mit dieser Struktur erklärt unser Autor, vermutlich Alkuin, der Hofgelehrte Karls des Großen, nun die Gottebenbildlichkeit des Menschen. Diese wird dabei in erster Linie, mit einer Formel, die sowohl von Platon als auch vom Apostel Paulus vorgebildet wurde, als „Innerer Mensch“ gefasst, so dass sich insbesondere im menschlichen Inneren das Bild Gottes findet, das zugleich darauf ausgelegt ist, sich aus der Liebe heraus der Güte seines Urbilds anzunähern.
Im Folgenden legt der Autor dar, dass die Gottebenbildlichkeit des Menschen auf zweifache Weise versteht: Als Bild Gottes besitzt der Mensch eine Gottähnlichkeit, die er nicht verlieren kann; als Gleichnis Gottes besitzt er eine weitere Form der Ähnlichkeit, die in einer Nachahmung zur göttlichen Güte besteht. Diese kann der Mensch verlieren, wenn er nicht gut lebt. Diese Auslegung beruht auf einer besonderen Formulierung der griechischen und latenischen
Bibel, wo Bild (
imago) und Gleichnis (
similitudo) Gottes im Menschen unterschieden werden (vgl. Zitat Nummer 830). Durch diese Unterscheidung kann unser Autor nun neben der verlierbaren, auf moralischem Verhalten beruhenden Würde der Person, die schon Cicero kannte, auch eine unverlierbare Würde jedes Menschen annehmen, die auf seinem Status als Bild Gottes beruht.
Themen:
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Mensch
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Mittelalterliche Philosophie
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Bild Gottes (Mensch als)
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Erinnerung/Gedächtnis
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Intellekt/Geist/Denkseele
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Person
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Seele
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Trinität/Dreifaltigkeit
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Wille
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Innerer Mensch
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Menschenwürde