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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Robert von Melun: Zusammenstellung der Lehrsätze Sententiae I, II, (0), 36

Original:

Robert von Melun über das Problem der menschlichen Identität
[1] Anima enim et caro una sunt persona ex personali unione et non identitate substantiae, sicut et unus homo anima humana et caro humana sunt, eo quod ex ipsorum ad invicem unione sit, quare aliquid homo sit et dici possit.
[2] Unus tamen est homo qui dicit mente se servire legi dei et carne legi peccati [...] Homo enim interior et exterior unus est homo, eo quod in unitate personae conveniunt quae unus est homo de qua predicatio diversa fieri solet propter diversas substantias quae in identitate personae in ipso homine connectuntur. [...]
[3] Non enim falso dicitur Petrus Romae esse et in caelo, sed ipsum tanquam in caelo existentem pro nobis precamur orare dicentes ,sancte Petre, ora pro nobis‘. Atque eundem Romae iacentem debita devotione veneramur nec alium dicimus illum esse qui in caelo glorificatus est et alium illum qui Romae sepultus requiescit.

Quelle: Robert von Melun: Zusammenstellung der Lehrsätze /Sententiae Sententiae I, II, (0), 36.
Edition: Richard Heinzmann: Die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung des Leibes. Eine problemgeschichtliche Untersuchung der frühscholastischen Sentenzen- und Summenliteratur von Anselm von Laon bis Wilhelm von Auxerre, Münster 1965, p. 86-102.

Auslegung:

In diesem Text stellt sich Robert von Melun die Frage nach der Einheit des Menschen. Die Frage stellt sich für ihn nicht nur, weil der Mensch für ihn aus einer körperlichen Substanz, die er mit dem Apostel Paulus „Fleisch“ nennt, und einer Seelensubstanz zusammengesetzt ist, sondern auch weil er eine Identität des irdischen Menschen mit seiner Fortexistenz im Himmel annimmt. Die menschliche Identität, die in all diesen Fällen vorausgesetzt ist, ergibt sich für Robert aus der Einheit der Person, in welcher die verschiedenen Substanzen vereinigt sein sollen. Die Bedeutung von Roberts Ausführungen liegt zum einen darin, dass er überhaupt die Frage nach der Identität von verschiedenen Formen des Menschseins aufwirft. Zum anderen ist seine Betonung des Begriffs der Person interessant, der die Einheit als je individuell zu betonen scheint (vgl. Boethius in Zitat Nummer 300). Eine nähere Erklärung, wie diese Einheit begrifflich beschrieben werden soll, bleibt Robert aber schuldig. Im Übrigen ergibt sich die Frage aus Roberts recht konsequentem Substanzendualismus, den keineswegs alle seine Zeitgenossen für richtig halten.

Themen:

  • Mensch
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Person
  • Römerbrief (Kapitel 7)
  • Seele
  • Fleisch
  • Dualismus (des Menschen)

[1] Seele und Fleisch sind nämlich eine Person aus der personalen Vereinigung und nicht aus der substantiellen Identität heraus, so wie auch ein Mensch die menschliche Seele und das menschliche Fleisch ist, weil sich aus ihrer Vereinigung miteinander der Grund ergibt, warum etwas ein Mensch ist und so genannt werden kann.
[2] Es ist aber ein Mensch, der sagt, er diene dem Gesetz Gottes und im Fleisch dem Gesetz der Sünde (Röm 7) [...]. Denn der innere und äußere Mensch ist ein Mensch, weil in der Einheit der Person das zusammenkommt, was ein Mensch ist, über den Verschiedenes ausgesagt wird wegen der verschiedenen Substanzen, die in der Identität der Person in diesem Menschen verbunden sind. [...]
[3] Denn nicht auf falsche Weise wird gesagt, Petrus sei in Rom und im Himmel, sondern wir bitten ihn, der im Himmel existiert, für uns zu beten, wenn wir sagen „Heiliger Petrus, bitte für uns“, und wir verehren ihn, der in Rom liegt, mit der schuldigen Frömmigkeit und sagen, dass der, der im Himmel verherrlicht ist, kein anderer ist als der, der in Rom begraben ruht.


Übersetzer: Matthias Perkams