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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Siger von Brabant: Fragen zum dritten Buch von Aristoteles’ De anima Frage nr. 8

Original:

Siger von Brabant (ca. 1240-1284) vertritt die averroistische These, dass alle Menschen nur einen Intellekt haben
Nota [...] in principio solutionis quod si intellectus esset perfectio corporis per suam substantiam, non esset quaestio, utrum intellectus multiplicantur secundum multiplicationem individuorum hominum. Immo planum est quod sic. Cum ergo tu dicis quod intellectus multiplicatur propter materias quibus appropriatur, quaeratur quid erit causa appropriationis. Non videtur esse causa nisi ponendo quod intellectus sit virtus in corpore. [...] Et ideo arguit Averroes [...] quod intellectus est unus, non multiplicatus secundum multiplicationem hominum individuorum, quia sic esset virtus in corpore diversorum hominum.

Quelle: Siger von Brabant: Fragen zum dritten Buch von Aristoteles’ De anima /Quaestiones in tertium De anima Frage nr. 8.
Edition: Siger de Brabant, Quaestiones in tertium De anima. De anima intellectiva. De aeternitate mundi, Édition critique, ed. B. Bazán, Louvain/Paris 1972 (= Philosophes médiévaux, 13).

Auslegung:

Dieser Text ist ein seltenes Zeugnis für die Argumentation eines lateinischen Autors, der im Anschluss an Ibn Rušd (Averroes) die These vertritt, alle Menschen hätten nur einen Intellekt. Die Voraussetzungen für dieses Argument hat der Aristoteliker und Averroist Siger von Brabant bereits zuvor gelegt: Der Intellekt ist nicht wie die vegetative und die rationale Seele eine Kraft im Körper, sondern er kommt von außen in den Körper (Zitat Nummer 953). Das heißt für Siger auch, dass der Intellekt sich auch nicht entsprechend der Menge der Menschen vermehrt. Vielmehr haben alle Menschen einen Intellekt. Ähnlich wie sein Vorbild Averroes (Zitat Nummer 475) nimmt Siger im Übrigen an, dass schon deswegen der Intellekt einer sein müsse, weil ja die Ideen im Denken aller Menschen im Grunde genommen gleich sind. Diese Position, die von vielen Christen als häretisch betrachtet wurde, da sie die Freiheit des individuellen Menschen aufhebe, wurde in der Folgezeit kontrovers diskutiert (Zitate Nummer 118 und 485).

Themen:

  • Mensch
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Mensch und Seele
  • Averroes/Averroismus
  • Geist/Intellekt/Denkseele
  • Intellekt (Einheit des)

Beachte aber am Beginn der Antwort, dass es dann, wenn der Intellekt durch seine Substanz die Vollendung des Körpers wäre, gar keine Frage wäre, ob die Intellekte sich entsprechend der Menge der verschiedenen Menschen vermehren. Vielmehr ist klar, dass es so ist. Wenn Du also sagst, dass der Intellekt sich wegen der Materien vermehrt, denen er sich anpasst, dann soll gefragt werden, was die Ursache der Anpassung ist. Anscheinend kann es keine andere Erklärung geben als anzunehmen, dass der Intellekt eine Kraft im Körper ist. [...] Und deswegen argumentiert Averroes, [...] dass der Intellekt einer ist, nicht vermehrt gemäß der Vielzahl der individuellen Menschen, weil er so eine Kraft im Körper der verschiedenen Menschen wäre.


Übersetzer: Matthias Perkams