Perkams-Zitatenschatz.de

Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen II, § 67

Original:

Peter Abaelard diskutiert in seinem Dialog das Verhältnis von Ethik und Theologie
[1] Christianus: Nunc profecto, quantum percipio, ad omnium disciplinarum finem et consummationem proficiscimur, quam quidem vos ethicam, id est moralem, nos divinitatem nominare consuevimus, nos illam videlicet ex eo ad quod comprehendendum tenditur, id est deum, sic nuncupantes, vos ex illis per quae illuc pervenitur, hoc est moribus bonis, quas virtutes vocatis.
Philosophus: Assentio quod clarum est et novam nominis vestri nuncupationem non mediocriter approbo. Quia enim ad quod pervenitur his per que venitur dignius aestimatis et pervenisse felicius quam venire, haec vestri nominis insignior est nuncupatio et ex origine propriae derivationis lectorem plurimum alliciens; quae si ita ex documento sicut ex vocabulo praeemineat, nullam ei disciplinam comparandam censeo.
[2] Nunc igitur, si placet, praefinire te volumus in quo verae ethicae summa consistat et quid ex hac nobis spectandum sit disciplina et quo, cum perventum fuerit, eius sit intentio consummata.
Christianus: Huius, ut arbitror, disciplinae in hoc tota colligitur summa, ut, quid summum sit bonum et qua illuc via nobis sit perveniendum, aperiat.

Quelle: Peter Abaelard: Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen /Collationes II, § 67.
Edition: Abelard’s Collationes. Edited and Translated by John Marenbon and Giovanni Orlandi, Oxford 2002.

Auslegung:

In diesem Abschnitt aus seinem Dialog (vgl. Zitat Nummer 686) formuliert Abaelard eine der ersten mittelalterlichen Theorien, die auf eine sachliche Nähe von Philosophie und Theologie hinauslaufen.
Konkret nähern sich Christ und Philosoph, die zunächst kontroverser diskutiert haben, einer gemeinsamen Perspektive an. Diese liegt darin, dass der Philosoph die Vollendung der Lehre, die er nach antikem Verständnis in der Ethik sieht, in der christlichen Gotteslehre bzw. der Gottheit selbst wiederfindet. Diese wird mit dem lateinischen Wort divinitas bezeichnet, das eigentlich die Gottheit, hier aber auch die Lehre von dieser Gottheit bezeichnet. Gemeint ist damit die Theologie, die Abaelard selbst bald, als vielleicht erster mittelalterlicher Christ, auch explizit als theologia bezeichnen wird. Hier verwendet er hingegen, ganz zu Beginn der Scholastik, eine ältere lateinische Bezeichnung für die christliche Gotteslehre.
Der Unterschied von Ethik und Gotteslehre liegt dem Textzufolge lediglich im Namen: Die Theologie wird nach dem Ziel des ethischen Bemühens, nämlich nach Gott, benannt, und die Ethik nach dem Weg, auf dem man zu diesem Ziel gelangt, also den guten Sitten bzw. Tugenden. Der Christ hält dabei das Ziel für würdiger als den Weg dorthin, nämlich die Tugenden, die den Gegenstand der philosophischen Ethik ausmachen. Faktisch beschäftigen sich aber sowohl Ethik als auch Theologie sowohl mit dem Weg als mit den Mitteln.
Durch diese Aussagen gibt Abaelard der Ethik einen Platz im christlichen Wissenschaftskosmos. Mit der Annahme, dass Gott das Ziel des Strebens nach Eudaimonie sei, gibt er aber zugleich der christlichen Gotteslehre eine rationale Form, die im Rahmen der antiken Philosophie Sinn ergibt.

Themen:

  • Christentum und Philosophie
  • Theologie
  • Ethik
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Dialog (philosophischer)
  • Glückseligkeit (Eudaimonia)
  • Philosophie und Religion
  • Tugend(en)

[1] Christ: Nun brechen wir schließlich, wie ich es auffasse, zum Ziel und zur Vollendung aller Disziplinen auf, die ihr gewöhnlich Ethik, d.h. Morallehre, wir Theologie nennen. Dabei nennen wir sie nämlich nach dem so, zu dessen Erreichen gestrebt wird, d.h. nach Gott, ihr aber nach dem, wodurch dorthin gelangt wird, d.h. nach den guten Sitten, die ihr Tugenden nennt.
Philosoph: Ich stimme dem zu, was auf der Hand liegt, und billige die neue Benennung durch euren Namen durchaus. Weil ihr nämlich das, zu dem hin gelangt wird, für würdiger haltet als das, wodurch der Fortschritt entsteht, und weil angelangt sein glücklicher ist als fortschreiten, ist diese Benennung durch euren Namen ehrenvoller und zieht den Leser vom Ursprung der eigenen Herleitung her ganz besonders an. Wenn sie in der Lehre so herausragt wie im Worte, dann ist ihr, denke ich, keine Disziplin zu vergleichen.
[2] Jetzt wollen wir also, wenn es recht ist, dass Du festsetzt, worin die Summe der wahren Ethik besteht und was wir aus dieser Disziplin betrachten sollen und wodurch, wenn es denn erlangt ist, ihre Intention vollendet sein wird.
Christ: Wie ich meine, lässt sich die Summe dieser Disziplin darin zusammenfassen, dass sie erklärt, was das höchste Gut ist und auf welchem Weg wir dorthin gelangen können.


Übersetzer: Matthias Perkams