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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Anselm von Canterbury: Proslogion I (p. 100, 15-19 Schmitt)

Original:

Anselm von Canterbury formuliert eine zentrale Maxime des christlichen Philosophierens, das Streben des Gläubigen nach Verständnis
Domine [...], desidero aliquatenus intelligere veritatem tuam, quam credit et amat cor meum. Neque enim quaero intelligere ut credam, sed credo ut intelligam. Nam et hoc credo: quia "nisi credidero, non intelligam".

Quelle: Anselm von Canterbury: Proslogion /Proslogion (pros.) I (p. 100, 15-19 Schmitt).
Edition: S. Anselmi Cantuariensis archiepiscopi Opera omnia. Ad fidem codicum recensuit Franciscus Salesius Schmitt, vol. 1-6, Seckau u.a. 1938-1961.

Auslegung:

Dieser kurze Text des Mönches Anselm von Canterbury formuliert in prägnanter Weise ein Grundprinzip christlich-philosophischer Wahrheitssuche: „fides quaerens intellectum“ – der Glaube, der nach Verstehen sucht. Dies wird für die folgenden Jahrhunderte eine Grundbewegung bleiben, welche die Scholastik ebenso prägt wie stärker mystisch akzentuierte Zugänge zu Gott: Der christliche Drang zu philosophieren setzt dort an, wo eine Person, die den Glauben angenommen hat, auf dieser Grundlage nach einem rationalen Verständnis des Glaubens sucht, das für dessen Akzeptanz durch eine menschliche, also durch Vernunft charakterisierte Person wesentlich ist. Von hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, gerade aufgrund des christlichen Glaubens zu philosophieren, auch unter den Umständen eines im Mittelalter weitgehend christianisierten Westeuropas.
Wie viele (früh-)scholastische Texte steht auch unser Zitat unter dem Einfluss von Augustinus und ist insbesondere vom Anfang seiner Bekenntnisse inspiriert (Zitat Nummer 35). Daraus erklärt sich sowohl der Gedanke, dass der Glaube letztlich selbst ein Schritt auf der Wahrheitssuche des Menschen ist, oder, anders ausgedrückt, dass wir deswegen glauben, um zu verstehen. Insofern nimmt wie bei Augustinus der Glaube die Rolle eines Vorwissens im Sinne von Platons Menon (Zitat Nummer 7) ein: Ohne ein solches Vorwissen kann ich die Wahrheit nicht suchen, da ich gar nicht wüsste, wonach ich suchen sollte.

Themen:

  • Erkenntnis
  • Gott
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Christentum und Philosophie
  • Glaube
  • Glaube und Wissen
  • Philosophie und Religion
  • Scholastik

Herr, ich begehre deine Wahrheit ein wenig zu verstehen, die mein Herz glaubt und liebt. Denn ich strebe ja nicht zu verstehen, damit ich glaube, sondern ich glaube, damit ich verstehe. Denn auch dies glaube ich: "Wenn ich nicht zuvor geglaubt habe, werde ich nicht verstehen".


Übersetzer: Matthias Perkams