Original:
Richard von Sankt Viktor beschreibt das Streben des gläubigen Christen nach Verständnis
Quaedam ex his quae credere iubemur non modo supra rationem, verum
etiam contra humanam rationem esse videntur, nisi profunda et subtilissima
indagatione discutiantur. [...] Oportet quidem per fidem intrare, nec tamen in
ipso statim introitu subsistere, sed semper ad interiora et profundiora
intelligentiae properare et cum omni studio et summa diligentia insistere, ut
ad eorum intelligentiam quae per fidem tenemus quotidianis incrementis
proficere valeamus.
Quelle:
Richard von Sankt Viktor:
Die Dreifaltigkeit
/
De trinitate
(
trin.)
I, 1 und 3.
Edition: Richard de Saint-Victor, De Trinitate. Texte critique avec introduction, notes et tables. Publié par J. Ribaillier, Paris 1958.
Auslegung:
In diesem Text führt Richard von Sankt Viktor Anselm von Canterburys Grundgedanken der
fides quaerens intellectum, des „Glaubens, der nach Verstehen sucht“ (Zitat Nummer 36), in innovativer Weise weiter aus. Besonders aufschlussreich für das christliche Selbstverständnis ist Richards Hinweis darauf, dass einige Glaubensinhalte „über die Vernunft hinausgehen“ (
supra rationem sunt), also nicht rational beweisbar sind. Dieser Hinweis auf Glaubensinhalte wie die Trinität und die Menschwerdung Gottes, die später als „übernatürlich“ bezeichnet werden, zeigt im Vergleich zu Anselm einen differenzierteren Zugang zur rationalen Auseinandersetzung an: Christliches Denken hat zu verdeutlichen, dass die nicht rational beweisbaren Inhalte des Glaubens doch zumindest nicht vernunftwidrig sind. Dieser Prozess rationaler Klärung ist jedoch für Richard eng verbunden mit einer tieferen Durchdringung des Glaubensinhalts. Wenn er hier vom „Eintritt“, vom „Tieferen“ und „Inneren“ spricht, bedient er sich einer mystisch gefärbten Sprache, die deutlich macht, dass das Interesse an einem besseren Glaubensverständnis auch für ihn primär zu einer Vertiefung des Glaubens und einer Intensivierung des gläubigen Lebens dient, und nicht lediglich zur Verteidigung gegenüber anderen Meinungen.
Zu beachten ist, dass sich in Richards Verweis auf die Glaubensinhalte, die „über der Vernunft“ sind, ein ganz anderes Verhältnis von Religion und Rationalität ausdrückt als bei einigen islamischen und jüdischen Denkern, die für ihre Religion prinzipiell eine Identität von wissenschaftlich zu beweisender und religiös vermittelter Wahrheit annehmen (al-Fārābī: Zitat Nummer 401; Ibn Rušd: Zitat Nummer 349; Maimonides: Zitat Nummer 351; Mendelssohn: Zitat Nummer 493). In allen Religionen wurden solche Thesen kritisch diskutiert, doch kann die von Richard hier recht klar formulierte Annahme rational nicht zugänglicher christlicher Glaubenswahrheiten und die dadurch zugespitzte Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Wissen als charakteristisch für die westeuropäische Formulierung des Verhältnisses von Religion und Rationalität gelten.
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