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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Leidensgeschichte (p. 72f. 79f. Monfrin)

Original:

Peter Abaelard über seine Beziehung zu seiner Schülerin Heloise und ihre Folgen
[1] Sub occasione itaque disciplinae amori penitus vacabamus, et secretos recessus, quos amor optabat, studium lectionis offerabat. Apertis itaque libris plura de amore quam de lectione verba se ingerebant, plura erant oscula quam sententiae, saepius ad sinus quam ad libros reducebantur manus. [...]
[2] Quo audito avunculus et consanguinei [...] vehementer indignati et adversum me coniurati, nocte quadam [...]quodam mihi servienti per pecuniam corrupto crudelissima et pudentissima ultione punierunt, et quam summa admiratione mundus excepit, eis videlicet corporis mei partibus amputatis, quibus id, quod plangebant, commiseram. [...]
[3] Praecipue scolares nostri intolerabilibus me et eiulatibus cruciabant, ut multo amplius ex eorum compassione quam ex vulneris laederer passione, et plus erubescentiam quam plagam sentirem. [...]
[4] Occurrebat animo, quanta modo gloria pollebam, quam facili et turpi casu haec humiliata, immo penitus esset extincta, quam iusto Dei iudicio in illa corporis mei portione plecterer in qua deliqueram.

Quelle: Peter Abaelard: Leidensgeschichte /Historia calamitatum (hist. cal.) (p. 72f. 79f. Monfrin).
Edition: Abélard, ›Historia calamitatum‹. Texte critique avec une introduction publié par J. Monfrin, Paris 1978.

Auslegung:

In diesem Zitat aus seiner Autobiographie Geschichte meiner Leiden (vgl. Zitat Nummer 46) berichtet Peter Abaelard über seine Liebe zu seiner Privatschülerin Heloissa (Héloïse). Diese wurde von ihrem Onkel, einem Kleriker an der Kathedralkirche Notre Dame de Paris, Abaelard zur Ausbildung anvertraut und verliebte sich in den um einiges älteren Professor, der damals ein berühmter Logiker war. Abaelard versuchte, die Situation zu retten, indem er Heloise heiratete, allerdings nur heimlich, da Heloise selbst dafür argumentierte, Abaelards Ruhm nicht schädigen zu wollen, indem sie öffentlich verheiratet sei. Die in [2] geschilderte Rache des Onkels ist dadurch motiviert, dass dessen Ehre aufgrund der Heimlichkeit der Hochzeit nicht wiederhergestellt worden war. Nach den hier beschriebenen Ereignissen traten Abaelard und Heloise schließlich in Klöster ein, blieben einander aber zeitlebens verbunden. Der Eintritt ins Kloster markiert zugleich Abaelards Übergang von der Logik zur Behandlung theologischer Fragen, v.a. der Ethik und der Erklärung der Trinität. Die Behandlung dieser Themen führte schließlich zu Auseinandersetzungen, u. a. mit seinem berühmten Zeitgenossen Bernhard von Clairvaux (vgl. Zitat Nummer 39).

Themen:

  • Philosophie
  • Liebe
  • Wege des Ich
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Autobiographie
  • Geschlechtsverkehr

[1] Unter dem Vorwand des Unterrichts gaben wir uns ganz der Liebe hin. Die wissenschaftliche Lektüre bot uns jene stillen Rückzugsmöglichkeiten, die sich die Liebe wünschte. Waren die Bücher aufgeschlagen, wurden mehr Worte über die Liebe als über den Lesestoff gewechselt, gab es mehr Küsse als Sätze, wanderten die Hände öfter zum Busen als zu den Büchern [...].
[2] Der Onkel und seine Verwandten hörten davon [...]. Zutiefst entrüstet verschworen sie sich gegen mich. Eines Nachts [...] bestachen sie einen meiner Diener mit Geld und rächten sich an mir durch eine besonders grausame und schmachvolle Strafe, von der die Welt mit größtem Erstaunen hörte: Sie schnitten mir die Körperteile ab, mit denen ich begangen hatte, was sie beklagten. [...]
[3] Am meisten marterten mich [...] meine Studenten mit ihrem unerträglichen Geklage und Gejammere. Ich litt viel mehr unter ihrem Mitleid als am Leid aufgrund der Wunde, und ich fühlte mehr das Erröten als den Schlag. [...]
[4] Mir ging durch den Kopf, wie groß der Ruhm war, in dem ich eben noch gestanden hatte; wie schnell er durch diesen blamablen Fall verringert, ja ganz ausgelöscht worden war; wie gerecht das Urteil Gottes, das mich an jenem Teil des Körpers bestrafen ließ, mit dem ich Schuld auf mich geladen hatte.


Übersetzer: Dag Hasse